So funktioniert ein Aussteigerprogramm für Neonazis

Ex-Neonazi: „Die alten Kameraden sehen mich als Verräter“

Ex-Neonazi Felix Benneckenstein arbeitet für die Aussteigerorganisation Exit.
+
Ex-Neonazi Felix Benneckenstein arbeitet für die Aussteigerorganisation Exit.

Zehn Jahre lang war Felix Benneckenstein ein harter Neonazi - bis er aus der Szene ausstieg. Hier erklärt er, wie ein Aussteigerprogramm funktioniert und was den mutmaßlichen Mörder von Walter Lübcke erwartet.

Kassel – Felix Benneckenstein weiß, wie man Neonazi wird und aus der Szene aussteigt. Der 34-Jährige war ein Jahrzehnt lang aktiver Rechtsextremist – etwa als Liedermacher Flex. Heute arbeitet Benneckenstein für das Aussteigerprogramm Exit. Wir sprachen mit dem Bayern über Stephan Ernst, den mutmaßlichen Mörder von Walter Lübcke. Im Prozess am Oberlandesgericht Frankfurt kündigte Ernst an, ein Aussteigerprogramm absolvieren zu wollen.

Wie sehr hat Sie die Ankündigung von Stephan Ernst überrascht?
Es ist naheliegend, dass man nach so einer Tat nachdenkt. Es kann auch gut sein, dass Ernst sich von solch einem Schritt eine Strafmilderung verspricht – wobei dies bei einem Mord nur eingeschränkt möglich ist. Ungewöhnlich ist, dass jemand damit vorher an die Öffentlichkeit geht. Das kenne ich von keinem Aussteiger. Ernst muss wissen: Er ist zwar weg von seinen alten Kameraden, aber auch in der JVA gibt es Rechtsradikale, die seinen Schritt gar nicht gut finden.
Was erwartet Ernst im Aussteigerprogramm?
In seinem Fall sehe ich keinen Automatismus. Jemanden hinzurichten, wie er es laut seinem Geständnis getan hat, ist die höchste Form der Radikalisierung. Dass ein Politiker zuhause erschossen wird, kannte man hierzulande nur von der RAF. Zudem ist der Mord, den er begangen hat, noch nicht einmal zu Ende verhandelt. Wenn er sich bei uns melden würde, würde ich ihm höchstwahrscheinlich raten, die Strafe anzunehmen und sich später noch einmal zu melden.
Wie läuft ein Aussteigerprogramm konkret ab?
Wir arbeiten zweigleisig. Auf der einen Seite versuchen wir, dem Menschen wieder eine Perspektive zu geben. Wir fragen, was er beruflich machen will. Manchmal ist es gut, wenn sich das vom bisherigen Leben unterscheidet. Auf der anderen Seite arbeiten wir an der jeweiligen Ideologie – allerdings nicht Gehirnwäsche. Es gilt immer der Grundsatz der Freiwilligkeit. Wir warten, bis ein Mensch sich bei uns meldet, um mit ihm gemeinsam diesen Weg zu gehen.
Wie macht man aus einem Nazi einen Demokraten?
Man wird nicht so einfach zu einem überzeugten Liberalen. Vor allem rassistische Einstellungen und Verschwörungstheorien hinterlassen bei den Menschen sehr lang Spuren. Viele Straftäter machen nach der Bewährungsstrafe auch einfach weiter. Mit meiner Biografie fällt es leichter, Ansprechpartner für Zweifel an der Fehlerhaftigkeit der Ideologie zu sein. Ich weiß, wie es ist, wenn man jahrelang Lügen hört wie: „So viele Juden, wie die Nazis angeblich umgebracht haben, haben damals doch gar nicht gelebt. Den Holocaust kann es also nicht gegeben haben.“
Auch Sie haben lange überlegt auszusteigen – bis Sie im Knast saßen und Ihre Freundin ein Kind erwartete. Was gab den Ausschlag?
Ich war immer mal wieder im Gefängnis – wegen Landfriedensbruchs, versuchter Körperverletzung und Propagandastraftaten als Liedermacher. Der ausschlaggebende Punkt war mein Umzug 2006 nach Dortmund. Von München aus hat man die große Szene dort bewundert. Damals dachte ich, ich würde mein Leben lang ein nationalsozialistischer Freiheitskämpfer bleiben. Ein Jahr später war ich mit den Dortmundern jedoch total verkracht und desillusioniert. In München hatte man versucht, ein Saubermann zu bleiben. Die Gruppe in Dortmund war jedoch offensiv brutal – auch gegen Leute aus den eigenen Reihen.
Dann haben Sie im Gefängnis Flüchtlinge kennengelernt.
Das war Ende 2008 in der JVA Stadelheim. Dort habe ich mit Menschen gesprochen, die abgeschoben werden sollten. Ihre Schicksale haben mich berührt. Trotzdem hat es noch zweieinhalb Jahre gedauert, bis ich ausgestiegen bin, denn das waren sehr kurze Momente.
Ihre Frau wuchs in einer rechtsextremen Familie auf und besuchte schon als Kind Neonazi-Zeltlager. Wie sind Sie in die Szene reingerutscht?
Das war eine Mischung aus Rebellion und Reiz der Ideologie. Meine Eltern haben nie einen Hehl daraus gemacht, wie sehr sie rechte Ansichten ablehnen. Nach den ausländerfeindlichen Anschlägen in Solingen 1992 haben sie mich sogar zu einer Lichterkette mitgenommen. Als Neonazi konnte ich gut gegen sie rebellieren. Ich habe mit ihnen diskutiert, warum ich Nationalsozialist bin, und wollte sie überzeugen, dasselbe zu tun.
Wie hätte man sie damals umstimmen können?
Das wäre schwierig gewesen. Aber es findet kaum eine inhaltliche Auseinandersetzung mit Jugendlichen wie mir damals statt. Man muss ihnen mitteilen, dass Rechtsextremisten nicht immer böse aussehen. Viele sagen: „Neonazis sind eh nur blöde Dummköpfe.“ So treten sie aber oft eben nicht auf. Stattdessen erklären sie den Nationalsozialismus als friedliche Ideologie. Darum fühlen sich junge Menschen von ihnen verstanden.
Nach Ihrem Ausstieg mussten Sie am Bahnhof schon mal Graffiti lesen wie „Wir kriegen dich“. Wie verstecken Sie sich vor den alten Kameraden?
Vor allem die Dortmunder Szene hat meinen öffentlichkeitswirksamen Ausstieg als frontalen Angriff gegen sich wahrgenommen. Die sehen mich als Verräter. Obwohl wir umgezogen sind, hat sich unsere Adresse unter Neonazis rumgesprochen. Wir wollen aber nicht unser Leben lang umziehen. Zuhause passe ich auf. Es kommt vor, dass ich nachts etwas höre und erst einmal schaue, was los ist. Da ich Vorträge halte, gibt es eine gewisse Öffentlichkeit, durch die man sich geschützt fühlt. Aber der Vater meiner Frau ist noch immer überzeugter Nationalsozialist und bewaffnet.
Ihre Frau arbeitet als Erzieherin. Wie schwierig ist es, als ehemaliger Nazi einen Job zu finden?
Sie war nicht vorbestraft und hatte daher weniger Probleme. Es gibt aber auch Aussteiger, die gerade wegen ihres Böse-Buben-Images eingestellt werden. Manche Arbeitgeber finden es gut, dass man ein Neonazi war. Diese Menschen sind meiner Ansicht nach fast gefährlicher als die eigentlichen Neonazis.
Die Heimattreue Deutsche Jugend, in der Ihre Frau einst aktiv war, ist seit 2009 verboten. Die Leute von damals trifft man heute in der Identitären Bewegung. Was machen Ihre alten Kameraden heute?
Größtenteils machen die noch das Gleiche wie früher. Die allerwenigsten haben irgendeine Art von Wandel vollzogen. Wäre ich nicht ausgestiegen, wäre ich vermutlich noch genauso. Als die Rechtsextremen des Dritten Wegs am 3. Oktober in Berlin demonstriert haben, habe ich einige erkannt. Nur die Bierbäuche sind ein bisschen dicker geworden.
Was wissen Sie über die Kasseler Neonaziszene?
Nicht viel. Vor meinen Auftritten als Liedermacher wurde ich einige Male am Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe abgeholt. Ich hatte damals kein Auto. Wo die Auftritte stattfanden, weiß ich nicht mehr. Es kann sein, dass ich über die Jahre sogar Terroristen gedeckt habe. Wenn es heißt, dass der oder der schnell aus dem Fenster abhauen muss, falls die Cops kommen, fragt man als überzeugter Nationalsozialist nicht, warum der andere per Haftbefehl gesucht wird. Ich weiß auch nicht, ob es eine Begegnung mit Stephan Ernst gab.
Der Haftbefehl gegen Markus H. ist aufgehoben worden. Glauben Sie, dass Stephan Ernst allein gehandelt hat?
Meiner Ansicht nach ist das schwer vorstellbar. Zwar kann es durchaus sein, dass man auch als Einzelgänger so sehr radikalisiert. Aber warum sollte Ernst seinen einstigen Kameraden so massiv anschwärzen? Es ist eine beängstigende Vorstellung, dass jemand wie Markus H, der an so einer Tat beteiligt gewesen sein könnte, wieder frei rumläuft.
Könnte der Mord an Walter Lübcke Neonazis weiter radikalisieren?
Jemanden, der von einem rechtsradikalen Umsturz träumt, muss so eine Tat nicht abschrecken. Im Gegenteil. Selbst solche Taten sind für Leute, die radikal genug sind, durchaus attraktiv. Ich habe früher zum Beispiel gesagt: „Wir wollen nicht auf irgendwelche Ausländer gehen, sondern wir schnappen uns als Erstes die Politiker, wenn es soweit ist.“ Heute weiß ich nicht mehr, ob das nur Rumgeprahle oder ernst gemeint war.

(Matthias Lohr)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.