Kasseler Jurist ab Januar auf der Anklagebank

Verdacht der Untreue: Ex-OB-Kandidat Hoppe darf nicht mehr als Anwalt arbeiten

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Kassel. Dr. Bernd Hoppe, der bei der Oberbürgermeisterwahl im März als Kandidat der Freien Wähler angetreten war, darf nicht mehr als Rechtsanwalt tätig sein.

Gegen den 57-Jährigen wurde der sofortige Vollzug des Widerrufs seiner Anwaltszulassung angeordnet. Das entspricht einem Berufsausübungsverbot. Ab 8. Januar muss sich der frühere SPD-Kommunalpolitiker vor dem Kasseler Landgericht verantworten. Er ist wegen des Verdachts der gewerbsmäßigen Untreue in neun Fällen und in einem Fall wegen Betrugs und Gebührenüberhebung angeklagt.

Hoppe dürfe seinen Beruf bis auf Weiteres nicht mehr ausüben, erklärt Silvia Morancho-Drastik, Geschäftsführerin der Rechtsanwaltskammer Kassel. Dies sei eine von verschiedenen Sanktionsmaßnahmen, die die Kammer ergreifen könne. Zu den Gründen dafür darf sie keine Angaben machen.

Bekannt ist, dass sich Hoppe seit Monaten gegen den Entzug seiner Zulassung durch die berufsständische Gerichtsbarkeit wehrt. Im Frühjahr 2018 gibt es eine Verhandlung vor dem Hessischen Anwaltsgerichtshof. Solche Verfahren sind nicht öffentlich. 

Der Streit um die Anwalts-Zulassung dürfte in Zusammenhang mit dem Strafverfahren gegen Hoppe stehen. Vor dem Landgericht geht es um annähernd 250.000 Euro, die Hoppe unrechtmäßig einbehalten haben soll. Das Geld stammt aus Mandatsverhältnissen, in denen er in erbrechtlicher Angelegenheit oder als Testamentsvollstrecker tätig war. Auf HNA-Anfrage lehnte Hoppe eine Stellungnahme ab.

Das Berufsausübungsverbot scheint Wirkung zu zeigen: In Hoppes Kasseler Kanzlei war trotz mehrmaliger Anrufe niemand zu erreichen. Und wer die bisherige Internetadresse www.hoppe-rechtsanwaelte.de aufruft, bekommt den Hinweis: "In Kürze erwartet Sie hier eine neue Internetpräsenz."

Politiker sitzt ab Januar 2018 auf der Anklagebank 

Er war mal SPD-Vorsitzender, ist heute Fraktionschef der Freien Wähler, wollte in diesem Frühjahr Oberbürgermeister werden und war ein Wortführer derer, die Kassels Straßenbahnen raus haben wollen aus der Königsstraße. Ab dem 8. Januar 2018 wird Hoppe auf der Anklagebank des Landgerichts Kassel sitzen. Der Rechtsanwalt soll nahezu eine Viertelmillion Euro Mandantengeld veruntreut haben.

Es sind drei Verhandlungstage vorgesehen und zwölf Zeugen geladen. Hoppe steht im Verdacht, zwischen März 2012 und September 2015 Geldbeträge, die er als Anwalt bekommen hat, nicht pflichtgemäß verwendet zu haben. Konkret soll er das Geld nicht an Mandanten weitergeleitet haben, so der Vorwurf der Staatsanwaltschaft Kassel. Insgesamt geht es um annähernd 250 000 Euro, die Hoppe unrechtmäßig einbehalten haben soll.

Bei der Kommunalwahl im März 2016 war der Rechtsanwalt erneut zum Stadtverordneten gewählt worden. Er hatte für die Freien Wähler kandidiert. Seit April 2016 ist Hoppe Vorsitzender der dreiköpfigen Stadtverordnetenfraktion Freie Wähler und Piraten.

Der 57-Jährige ist seit vielen Jahren kommunalpolitisch engagiert. Im Jahr 2001 war er erstmals in die Stadtverordnetenversammlung gewählt worden – als Sozialdemokrat. Der Kirchditmolder galt als politischer Freund von Kassels ehemaligem Oberbürgermeister Bertram Hilgen. Hoppe stand einst dem Willy-Brandt-Kreis nahe und zählte zum linken Flügel der SPD.

Nach gescheiterten Anläufen als Landtags- und als Bundestagskandidat kam es zum Zerwürfnis mit seinen Genossen. Im Streit hatte er den Sozialdemokraten 2012 den Rücken gekehrt. Auslöser dafür war wohl, dass er beim SPD-Unterbezirk mehrere Tausend Euro Schulden aus nicht satzungsgemäß abgeführten Mandatsträger-Abgaben gehabt haben soll. Aus Ärger über gezielte Indiskretionen von „anonymen Heckenschützen“, wie Hoppe damals beklagte, hatte er im Februar 2012 sein Parteibuch abgegeben.

2015 hoffte er freilich wieder auf die SPD. Denn er wollte Bürgermeister der Gemeinde Willingshausen im südlichen Schwalm-Eder-Kreis werden. Dazu brauchte der Anwalt, der in Kassel inzwischen an der Spitze der Wählergruppe „Demokratie erneuern“ stand, die Unterstützung des dortigen SPD-Ortsverbands. Doch es wurde nichts mit dem Bürgermeisterposten, weil sich die Willingshäuser für den FDP-Mann Heinrich Vesper entschieden.

Bei der Kasseler Oberbürgermeisterwahl im März dieses Jahres hatte Hoppe als Kandidat der Freien Wähler 2561 Stimmen bekommen und 4,8 Prozent erzielt.

Wenig später kam die Polizei. Seine Kanzlei in Kassel wurde durchsucht. Die Kasseler Staatsanwaltschaft ermittelte wegen des Verdachts der Untreue. Zudem gab es gegen den Kasseler Juristen ein anwaltsgerichtliches Ermittlungsverfahren bei der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main.

Die Ämter des Anwalts Hoppe

  • Seit 2001 Stadtverordneter
  • 2005 bis 2009 Vorsitzender der Kasseler SPD
  • Seit 2016 Vorsitzender der Freien Wähler Kassel und Vorsitzender der Fraktion Freie Wähler/Piraten
  • 2001 bis 2013 Vorsitzender des VfL Kassel
  • Seit 2003 im Mieterbeirat des Mieterbundes Nordhessen
  • 2006 bis 2011 Mitglied des Verwaltungsrates der Kasseler Sparkasse
  • Seit 2012 im Beirat der Walter Heilwagen Stiftung
  • Seit 2016 Mitglied des Präsidiums des Hessischen Städtetages
  • Seit 2016 im Aufsichtsrat der Kasseler Verkehrs- und Versorgungs-GmbH (KVV)

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