Ein Kasseler Start-up profitiert, ein anderes fürchtet Nachteile

Exakte Arbeitszeiterfassung ist unter Kasseler Firmen umstritten

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Tischtennis und Arbeit passen hier zusammen: Heiko Miertzsch von der Kasseler Firma Eoda setzt für seine 50 Mitarbeiter auf Vertrauensarbeitszeit.

In Kasseler Firmen wird das Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) zur Arbeitszeiterfassung heiß diskutiert. Wir haben Kasseler Firmen dazu befragt.

Nach dem Willen der EU-Richter müssen die EU-Staaten die Arbeitgeber künftig verpflichten, jede Arbeitsstunde ihrer Mitarbeiter zu erfassen. Zwei Kasseler Start-ups haben die Nachricht ganz unterschiedlich aufgefasst.

Für Felix Bopp, Gründer der Firma „TimeBuzzer“ in Kassel, könnte sich die EuGH-Entscheidung als Goldgrube entpuppen. Denn sein Start-up-Unternehmen hat einen Buzzer erfunden, mit dessen Hilfe sich Arbeitszeiten am Computer durch Drehen und Drücken exakt erfassen lassen. Das Besondere: Wenn ein Mitarbeiter unterschiedliche Projekte parallel bearbeitet, kann er deren Zeitaufwand individuell ermitteln. Dies vereinfacht die Arbeitsdokumentation.

Felix Bopp, Geschäftsführer der Firma TimeBuzzer

„Das EuGH-Urteil wird sich sicherlich positiv auf unser Geschäft auswirken. Viele Unternehmen werden von der Pflicht genervt sein. Wir machen Zeiterfassung cool“, sagt Bopp, der mit seinem Geschäftspartner Christoph Radler zehn Mitarbeiter beschäftigt. Das Unternehmen hat seinen Sitz an der Friedrich-Ebert-Straße. Bopp rechnet damit, dass es wegen des Gesetzgebungsprozesses und möglicher juristischer Auseinandersetzungen eine Weile dauern werde, bis das EU-Recht in Deutschland greift.

Weniger erfreut über das Gerichtsurteil ist Heiko Miertzsch. Für die 50 Mitarbeiter seines auf Datenanalyse spezialisierten IT-Unternehmens Eoda gilt die Vertrauensarbeitszeit. Ein Modell, mit dem seine im Science Park Kassel ansässige Firma sehr gut fahre.

„Bei uns notiert sich jeder Mitarbeiter selbst, wenn Überstunden anfallen. In Absprache mit seinem Vorgesetzten bleibt er dann einfach mal zu Hause. Wir brauchen diese Flexibilität – und sie kommt auch der Work-Life-Balance zu Gute“, findet Miertzsch. Eine Pflicht zur exakten Erfassung der Arbeitszeiten bedeute einen nicht unerheblichen Mehraufwand. Gerade für Start-Ups sei dies eine Belastung.

„Mitarbeiter, die Lust haben zu gestalten, schicke ich doch nicht um 17 Uhr nach Hause.“ Es sei aber natürlich zwischen der Kreativbranche und etwa Pflegeberufen zu unterscheiden. „Bei Pflegediensten, wo die Mitarbeiter teilweise ohne Ende Stunden ableisten müssen, macht eine minutengenaue Arbeitszeiterfassung sicherlich Sinn“, sagt Miertzsch.

Aber man dürfe sich auch nichts vormachen: Trotz gesetzlicher Regelungen werde es immer Firmen geben, die Umgehungsstrategien entwickeln und nutzen. 

Dieses Video ist ein Inhalt der Videoplattform Glomex und wurde nicht von der HNA erstellt.

So gehen Unternehmen in der Region damit um

VW: In den indirekten Bereichen (Verwaltung, Forschung und Entwicklung) im VW-Werk Kassel in Baunatal gilt die Vertrauensarbeitszeit. Das heißt: „Die Anwesenheit wird erfasst, die Dauer aber nicht“, wie Betriebsratchef Carsten Bätzold erklärt. Der Ausgleich von mehr geleisteter Zeit werde mit den Vorgesetzten abgestimmt. Anders sei das in den Produktionsbereichen. Dort werde abgehakt, wenn ein Arbeitnehmer da sei. „Die Schichtanwesenheit ist festgeschrieben“, so Bätzold. „Wenn die Schicht zu Ende ist, gehen die Leute nach Hause. Überstunden werden erfasst und werden auch vergütet.“ Grundsätzlich begrüßt der Baunataler Betriebsratsvorsitzende die Umsetzung des EuGH-Urteils: „Ich fände es positiv, wenn man Transparenz schaffen würde“. Der Betriebsrat vermutet nämlich, dass es bei VW in Baunatal Abteilungen „mit einer Grauzone“ gibt. Da werde Mehrarbeit geleistet, aber diese werde nicht dokumentiert. „Eine elektronische Zeiterfassung würde für Klarheit sorgen.“ Vom Werkmanagement in Baunatal war keine Stellungnahme zu möglichen Folgen des Gerichtsurteils zu bekommen. Ein Sprecher verwies auf den Konzernsitz in Wolfsburg. „Das EuGH-Urteil kommentieren wir erst mal nicht“, sagte Markus Schlesag, Sprecher für das Personalwesen. „Wir beobachten den Prozess aber genau.“

GNH: Bei der Gesundheit Nordhessen Holding läuft die Arbeitszeiterfassung für alle ihre Gesellschaften über ein Dienstplanprogramm. In einem Mitarbeiterportal können die Mitarbeiter geleistete Arbeitsstunden direkt hinterlegen und erhalten so einen Überblick. Damit habe man positive Erfahrungen gemacht, so eine Sprecherin. Gleichzeitig stelle das Verfahren hohe Anforderungen an die Verantwortlichen, weil sie die Einhaltung der gesetzlichen und tariflichen Vorgaben zur Arbeitszeit steuern müssten. 

SMA: Die Mehrheit der Mitarbeiter führt Gleitzeitkonten, auf denen die Arbeitszeit erfasst wird. Die Erfassung erfolge nicht über Stechuhren – stattdessen würden die Mitarbeiter Arbeitszeit, Pausenzeiten, Gleitzeittage und Urlaub in ein digitales System eintragen, so eine Sprecherin. Die Arbeitszeiten seien in weiten Teilen des Unternehmens selbstbestimmt durch die Mitarbeiter gestaltet, in Absprache mit den Führungskräften. Einschränkungen gebe es in der Produktion. Für rund 15 Prozent der SMA-Mitarbeiter in Deutschland gilt eine Vertrauensarbeitszeit. Für diese erfolgt bislang keine tägliche Erfassung der Arbeitsstunden. Das müsste sich nach dem Urteil des EuGH künftig ändern. „Wir haben sehr gute Erfahrung mit unserem System der Arbeitszeiterfassung gemacht und sehen die Entscheidung des EuGH eher kritisch“, so Alexander Naujoks, Executive Vice President Human Resources bei SMA.

K+S: Bei 85 Prozent der Mitarbeiter von K+S findet eine Zeiterfassung bereits statt. Lediglich an einigen Verwaltungsstandorten, etwa in Kassel sowie im Forschungszentrum und bei außertariflichen Mitarbeitern gilt Vertrauensarbeitszeit. Abweichungen von den Sollarbeitszeiten erzeugten bei den Mitarbeitern, die der Arbeitszeiterfassung unterliegen, einen relativ hohen administrativen Aufwand, so ein Sprecher. Die Vertrauensarbeitszeit werde von den Mitarbeiter gut angenommen, weil sie mehr Flexibilität gewährleiste.

Wintershall Dea: „Bei Wintershall Dea gilt Vertrauensarbeitszeit. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden ermutigt, ihre Arbeitszeit für ihren eigenen Überblick zu dokumentieren. Seitens des Unternehmens wird die Arbeitszeit nicht erfasst“, so Axel Bode, Leiter Human Resources bei Wintershall Dea.

Universität Kassel: Für alle administrativ-technischen Bediensteten der Universität, die an der Gleitzeit teilnehmen, gibt es bereits eine elektronische Zeiterfassung. Dies betrifft knapp 700 von 3350 Beschäftigten der Hochschule. „Für die Bediensteten in den Fachbereichen gilt sie hingegen nicht; sie hatten sich bei einer Befragung vor einigen Jahren dagegen ausgesprochen“, so ein Uni-Sprecher.

Lesen Sie dazu: Keine unbezahlten Überstunden mehr: Können sogar Arbeitgeber von Arbeitszeit-Urteil profitieren?

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