Rauch weckt Frauen auf 

Experiment im Schlaflabor: Bei nächtlichen Bränden reagieren Männer später

Vor dem Schlaf kommt die Verkabelung: Severine Trier (rechts) bringt Elektroden auf der Kopfhaut von Sabine Jürgens an. Prof. Martin Konermann (Vierter von links) erklärt den Versuchspersonen Alexander Rühl (von links), Andrea Stolle und Thomas Rühl die Einrichtung des Schlaflabors. Fotos: Dilling

Kassel. Wie reagieren Männer und Frauen während des Schlafs auf Rauch? Aus Anlass der jüngsten Brandkatastrophen in Kassel und Zimmersrode mit Todesfolgen unternahm das Marienkrankenhaus am Samstagabend ein Experiment.

Schlaflabor des Marienkrankenhauses kurz nach 21 Uhr: Sabine Jürgens (31), Servicekraft, Andrea Stolle (57), Krankenpflegehelferin, Thomas Rühl (45), Infrastrukturplaner, und sein Sohn Alexander (16), Azubi, warten darauf, mit Elektroden und Sensoren verkabelt zu werden. Hier werden sonst Patienten mit schweren Schlafstörungen untersucht.

„Es werden immer mehr. Wir vergeben jetzt schon die Termine für Dezember“, sagt Prof. Dr. Martin Konermann, Ärztlicher Direktor des Marienkrankenhauses. Lebensbedrohliche Atemaussetzer (Apnoe), schweres Schnarchen, aber auch die wachsenden Anforderungen der Leistungsgesellschaft raubten vielen Menschen den Schlaf.

Testpersonen ahnungslos

Probelauf: Martin Konermann überzeugte sich davon, dass das Rauchpapier ordentlich qualmt und stinkt.

Doch die Versuchspersonen, die Konermann und sein Team nun eingeladen hatten, sind stolz auf ihren gesegneten Schlaf. „Ich habe viele Jahre im Schichtdienst gearbeitet und nie Probleme damit gehabt“, sagt Thomas Rühl. Er und seine Mitstreiter wissen nicht, worum es Konermann bei dem Experiment geht: Gerade für den guten Schläfer kann der Schlummer bei einem nächtlichen Brand tödlich enden, wenn er sich nicht mit einem Rauchmelder schützt. Zwei tragische Brandkatastrophen, an deren Folgen kürzlich in Kassel zwei Kinder, in Zimmersrode eine Mutter und ihre beiden Kinder starben, sind der traurige Anlass für den Versuch.

Die Schlaflabor-Mitarbeiterinnen Severine Trier und Sylvia Rühl, Ehefrau und Mutter von Thomas und Alexander, überwachen in einem Nebenraum an Monitoren, wie die Probanden versuchen einzuschlafen. Gezackte Linien in verschiedenen Farben zucken über den Bildschirm. Gehirnströme, Muskelspannung, Herzfrequenz, Sauerstoffaufnahme und weitere Parameter zeichnen minutiös die Phasen des Schlafs nach.

Sabine Jürgens und Alexander Rühl fallen gegen 23.30 Uhr fast gleichzeitig in den Tiefschlaf. Prof. Konermann zündet Rauchpapier an, wirft es in einen Blumentopf, Trier stellt ihn geräuschlos in die Zimmer der Probanden. Am Monitor sehen der Arzt und seine Mitarbeiterinnen, wie die Räume schnell mit beißendem - aber harmlosen - Rauch vernebeln.

Schneller wach

Einschlafen mit Kabeln, Elektroden und Sensoren: Alexander Rühl hatte damit kein Problem. Er schlief wie ein Bär.

Nach einer Minute wacht Sabine Jürgens auf. Konermann fühlt sich bestätigt: „Frauen haben eine niedrigere Aufwachschwelle als Männer. Das liegt an der Brutpflege“, sagt er. Seit der Entstehung der Menschheit seien die Frauen für den Schutz der Nachkommen zuständig gewesen, vor allem nachts. Doch zur Verblüffung des Mediziners schläft Jürgens wieder ein, ohne etwas von der Gefahr bemerkt zu haben. Sie habe den Geruch als angenehm empfunden und sich deshalb keine Sorgen gemacht, sagt sie später.

Die beiden Männer wachen trotz des Rauchs gar nicht auf. „Oh Gott, der wäre ja jetzt schon längst abgefackelt“, sagt Alexanders Freundin Saskia Wolf sichtlich schockiert. „Bei einem echten Brand wären die beiden jetzt sicher tot“, bestätigt Konermann. Andrea Stolle wacht dagegen schon auf, bevor Trier den Rauchtopf ins Zimmer stellen kann. Sie sei durch den Rauchgeruch aus den Nachbarzimmern wach geworden. Stolle fällt allerdings aus dem Rahmen: Sie ist gewohnt, nachts im Schlaflabor zu arbeiten und schläft am Tage, und das seit 27 Jahren.

Hintergrund: Schlafzyklus dauert 90 Minuten

Schlafforscher unterteilen Schlafzyklen in vier Phasen, die zusammen 90 Minuten dauern und sich dann wiederholen. Zudem gibt es während des Schlafs immer mal wieder kurze Wachphasen. Die Tiefschlafphase ist für die Leistungsfähigkeit des Menschen am wichtigsten. In dieser Zeit regeneriert sich der Körper. Kinder wachsen, Erwachsene regenerieren ihre Eiweißmoleküle. Im sogenannten REM-Schlaf verarbeitet das Gehirn unter anderem die Ereignisse des Tages. Wichtige Dinge werden im Langzeitgedächtnis gespeichert. Unwichtiges landet im Papierkorb, wie es Prof. Konermann erklärt. Etwa 40 Mal verändern wir beim Schlafen unsere Liegehaltung. Das sei evolutionsbedingt, sagt Konermann. Früher hätten die Menschen auf nacktem Boden geschlafen, da musste man sich öfter drehen, um keine schmerzhaften Druckstellen zu bekommen. Der moderne Mensch schlafe auch deutlich kürzer als noch vor 150 Jahren. Damals habe er sich acht Stunden Schlummer gegönnt, heute seien es im Schnitt nur gut sieben Stunden. (pdi)

Stichwort Schlaflabor

Im Schlaflabor des Marienkrankenhauses werden jährlich 1500 Patienten wegen Schlafstörungen behandelt. Es ist ein sogenanntes Referenzlabor: Hier landen die schwierigen, ungeklärten Fälle. In diesem Jahr will das Krankenhaus seine Laborplätze von sechs auf zwölf erhöhen. Dafür wird ein Neubau errichtet. Konermann rechnet damit, dass dann bis zu 3000 Patienten behandelt werden können. (pdi )

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.