Experte für erneuerbare Energien: Kassel muss aufholen

Viel Forschung und Entwicklung, aber wenig Produktion erneuerbarer Energie: Kassel ist, unter anderem durch SMA und das Fraunhofer IWES-Institut, ein Wissenszentrum für erneuerbare Energie.

Kassel. In den vergangenen Jahren hat sich die Region Kassel zu einem Vorreiter in Sachen erneuerbare Energien entwickelt. Deshalb lässt die Agentur für erneuerbare Energien zum dritten Mal ihren Kongress „100 % Erneuerbare-Energie-Regionen“ in Kassel stattfinden.

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Zu dem Kongress werden über 700 Teilnehmer erwartet. Wir sprachen mit Agentur-Geschäftsführer Philipp Vohrer über die heute beginnende Tagung und die Schwächen des Standorts Kassel als Zentrum der neuen Energien.

Sie richten Ihren Kongress in Kassel aus. Warum?

Philipp Vohrer: Kassel ist dabei, sich einen Namen zu machen als Stadt der erneuerbaren Energien. In und vor allem um die Stadt herum gibt es eine Vielzahl von Vorzeigeprojekten. Wir beobachten, dass von Nordhessen insgesamt starke Impulse ausgehen. Marktführende Unternehmen wie SMA, Elektro-Kirchner in Alheim oder Viessmann in Allendorf sorgen mit ihren Technologien für Wertschöpfung in der Region. Zudem gibt es viele weitere vorbildhafte Projekte wie etwa das rekommunalisierte Stromnetz in Wolfhagen. Dennoch: Schaut man sich die Produktion erneuerbarer Energien im Kasseler Stadtgebiet an, gibt es noch viel Potenzial, diese besser zu nutzen. (siehe Artikel unten rechts)

Ihr Kongress richtet sich vor allem an Städte, Gemeinden und Landkreise. Welche Rolle spielen sie bei der Energiewende?

Vohrer: Die Energiewende wird von unten gestaltet. Brüssel und Berlin geben zwar Ziele und gesetzliche Rahmenbedingungen vor, aber die Umsetzung findet auf Ebene der Landkreise und Kommunen statt. Insbesondere bei der Planung haben sie Kompetenzen. Zum Beispiel dann, wenn es um die Entscheidung geht, welche Flächen etwa für Solarparks zur Verfügung gestellt werden.

Wie viele Kommunen beteiligen sich am Kongress?

Vohrer: Etwa die Hälfte der 700 Teilnehmer sind Vertreter von Kommunen. Wie viele Städte, Gemeinden und Landkreise sie vertreten, lässt sich nicht genau sagen, da auch interkommunale Akteure wie Stadtwerke dabei sind. Die restlichen Teilnehmer kommen etwa aus Unternehmen und Universitäten.

Mit welchen Erkenntnissen werden die Teilnehmer den Kongress verlassen?

Vohrer: Wir zeigen: Jede Kommune hat Potenzial für erneuerbare Energien. Die eine hat viel Wald, der für Biomasse-Kraftwerke genutzt werden kann, eine andere hat große Hallendächer, die für Solaranlagen geeignet sind. Die Kommunen können dieses Potenzial durch eigene Projekte ausschöpfen. Auf über 50 Prozent der Fläche Deutschlands ist bereits ein regionales oder kommunales Klima-Programm wirksam, das ambitionierte Klimaziele oder den Ausbau

erneuerbarer Energien zum Ziel hat.

Ist die Bürgerbeteiligung ein Modell für den Ausbau der erneuerbaren Energien?

Vohrer: Es ist nicht nur ein Modell, sondern der Schlüssel für den Ausbau. Erneuerbare Energien haben ein Charakteristikum, das sie von herkömmlichen Kraftwerken unterscheidet: Sie sind dezentral. Wenn ich die Menschen vor Ort nicht mitnehme und begeistere, dann kommt der Ausbau ins Stocken. Ein Anlass unseres Kongresses ist es, Modelle zu präsentieren, mit denen die Bürger beteiligt werden können. Das reicht von der Bürgerbefragung bis zur finanziellen Beteiligungsmöglichkeit.

Der finanzielle Aspekt ist sicher Ihr stärkstes Argument?

Vohrer: Ja, denn bislang waren die meisten Kreise und Kommunen keine Produzenten von Energie, sondern Importeure. Dadurch floss Geld aus der Region ab und war weg. Wenn sich die Menschen nun an der Energieproduktion beteiligen – indem sie etwa Anteile an einem Bürgerwindpark erwerben – steigt die Akzeptanz und die Wertschöpfung bleibt in der Region. In deutschen Kommunen werden im laufenden Jahr 8,9 Milliarden Euro Wertschöpfung durch erneuerbare Energien erwirtschaftet.

Kommen Sie mit Ihrem Kongress nächstes Jahr wieder?

Vohrer: Auch der vierte Kongress findet sicher wieder in Kassel statt.

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