Experte über die sarglose Bestattung:

Experte über die sarglose Bestattung: „Leichnam ist nicht giftig“

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Bestattung im Leichentuch: Bei Muslimen ist es Tradition, die Verstorbenen ohne Sarg beizusetzen. Dies soll bald auch in Kassel möglich sein.

Kassel. Durch die Änderung des Hessischen Bestattungsgesetzes soll es möglich werden, sarglose Bestattungen aus religiösen Gründen zu ermöglichen. Dafür muss in Kassel allerdings noch die Friedhofssatzung geändert werden.

Über die Bestattungskultur mit und ohne Sarg sprachen wir mit Prof. Dr. Reiner Sörries, dem Leiter des Museums für Sepulkralkultur, der auch Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal ist.

Seit wann werden in Deutschland Verstorbene in Särgen bestattet?

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Prof. Sörries: Im Mittelalter war über mehrere Jahrhunderte die Bestattung ohne Sarg üblich. Seit der Reformation setzte die Verwendung von Särgen ein. Eine allgemeine Sargpflicht wurde ab dem 18. Jahrhundert nach und nach in den deutschen Kleinstaaten mit der Einführung der Leichenhäuser eingeführt.

Aus welchen Gründen?

Sörries: Särge wurden erforderlich, weil die Toten nicht mehr so rasch beigesetzt, sondern mindestens 48 Stunden in den Leichenhäusern aufgebahrt wurden. Damit sollte sichergestellt werden, dass sie nicht nur scheintot waren. Die Särge wurden in den Leichenhäusern aus hygienischen Gründen wegen der einsetzenden Verwesung erforderlich.

Gab es auch religiöse Gründe, die Menschen plötzlich im Sarg zu bestatten?

Sörries: Meine These ist, dass das mit der Reformation zusammenhängt. Plötzlich war die Vorstellung vom Fegefeuer verschwunden, in dem die Toten erst geläutert werden, bevor sie das ewige Leben erlangen. Luther hat den Sarg als Ruhebett verstanden, in dem die Verstorbenen die Zeit bis zu ihrer Auferstehung verbringen.

Gab es damals auch Widerstände gegen den Einsatz von Särgen?

Sörries: Ja. Der habsburgische Kaiser Joseph II. hat Ende des 18.Jahrhunderts die Särge in Wien verbieten lassen. Er wollte nicht, dass das Holz aus seinen Wäldern dafür verschwendet wird. Stattdessen wurde ein wiederverwendbarer Klappsarg entwickelt. Der sogenannte josephinische Sparsarg war an der Unterseite mit einer Klappe ausgestattet, die mit einem Hebel geöffnet wurde. Der in Leinen gehüllte Leichnam fiel dann einfach in das Grab und der Sarg wurde bei der nächsten Beerdigung erneut eingesetzt.

Viele Menschen haben Bedenken, dass ohne Sarg das Grundwasser von Leichengift verseucht wird.

Sörries: Die Vorstellung vom Leichengift ist ein Irrglaube. Eigentlich ist ein Leichnam nicht giftig und schädlich. Zwar nehmen wir Menschen im Laufe unseres Lebens viele Schadstoffe auf, aber die gelangen ohnehin ins Erdreich, mit oder ohne Sarg. Das Unappetitliche an Leichen ist die Verwesung, die nach 24 Stunden einsetzt.

Wenn ein Verstorbener keine Infektionskrankheit hatte, spricht also nichts dagegen, den Leichnam in einem Tuch zu bestatten?

Sörries: Das ist richtig.

Die sarglose Bestattung wird immer wieder von Muslimen gefordert. Warum?

Zur Person

Prof. Dr. Reiner Sörries (60) wurde 1952 in Nürnberg geboren. Er studierte evangelische Theologie. Nach dem Vikariat war er 1979 bis 1991 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Erlangen (christlicher Archäologie und Kunstgeschichte). Seit Eröffnung des Museums für Sepulkralkultur in Kassel, 1992, ist Sörries sein Leiter. Er ist verheiratet und lebt in Kassel und Kröslin an der Ostsee. Sörries ist Autor diverser Bücher und Publikationen.

Sörries: Im Islam ist der Glaube, dass der Mensch aus der Erde genommen und wieder zur Erde werden soll, noch stärker als im Christentum ausgeprägt. Allerdings gibt es auch unter Muslimen ganz unterschiedliche Richtungen. Es gibt hochrangige Islamgelehrte, die gegen die Verwendung von Särgen nichts einzuwenden haben.

Würden sich mehr Türken in Kassel bestatten lassen, wenn sarglose Beerdigungen zugelassen werden?

Sörries: Das glaube ich nicht. 80 bis 90 Prozent der Türken entscheiden sich nicht wegen der Sargpflicht hierzulande dafür, sich nach ihrem Tod in die Türkei überführen zu lassen. Ihnen geht es vielmehr darum, in Heimaterde begraben zu werden. Viele Muslime, die in Deutschland leben, haben immer noch das Ziel, irgendwann in ihre Heimat zurückzukehren. Wenn sie das nicht zu Lebzeiten schaffen, dann zumindest im Tod.

In Kassel gibt es noch zahlreiche offene Fragen, wie eine sarglose Bestattung in der Praxis umgesetzt werden kann.

Sörries: In Städten wie Hamburg, Köln oder Berlin wird das schon seit Jahren praktiziert. Von diesen Erfahrungen kann die Kasseler Friedhofsverwaltung profitieren. Ich bin mir sicher, dass eine pietät- und würdevolle Beisetzung auch ohne Sarg möglich ist.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

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