Interview mit Prof. Dr. Reinhard Lindner

Experte der Uni Kassel fordert Enttabuisierung des Themas Suizid

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Wenn das Leben aussichtslos scheint: Fast jedem Suizid gehen Gefühle tiefester Verzweiflung voran. 

In Deutschland nehmen sich jedes Jahr etwa 10.000 Menschen das Leben. Damit ist die Zahl dreimal so hoch wie die der Verkehrstoten. 

Prof. Dr. Reinhard Lindner forscht an der Universität Kassel schwerpunktmäßig zum Thema Suizid und Suizidprävention. Wir haben mit ihm gesprochen.

Suizid ist immer noch ein Tabu. Erschwert das auch die Forschung?

Ganz eindeutig. Forschung lebt vom Geld. Und beim Thema Suizid ist es oft schwer, Forschungsgelder einzuwerben. Das hat mit der Angst vor dem Thema zu tun und den unangenehmen Gefühlen, die es auslöst – auch bei Geldgebern und Forschungsförderern.

Warum fällt es so schwer, darüber zu sprechen, wenn Menschen sich umbringen?

Weil das Reden darüber mit belastenden Gefühlen verbunden ist. Bei Angehörigen und bei Menschen, die dem Betroffenen helfen wollten, wirft es die Frage auf: Hätte ich nicht helfen können? Das betrifft auch Ärzte und Therapeuten. Als professioneller Helfer muss man sich klar machen, dass man einem Menschen nicht helfen kann, indem man versucht, ihn zu kontrollieren. Man muss sich auf das Wagnis einlassen, dass der andere frei ist, sich gegen eine Behandlung zu entscheiden.

Gibt es bestimmte Risikogruppen?

Ganz klar Männner, vor allem alte Männer. Die Suizidrate in dieser Gruppe ist fünfmal so hoch wie in der allgemeinen Bevölkerung. Viele ältere Männer sind – anders als Frauen – kaum in der Lage, sich mit ihren Gefühlen auseinanderzusetzen und in Beziehungen mit Konflikten umzugehen. Wenn dann noch Alkohol hinzukommt, ist es besonders gefährlich. Generell trägt der Suizid die Handschrift des Alters. Häufig spielen auch – wie in anderen Lebensphasen – Trennungen und Verluste eine Rolle.

Meinen Sie Trennung vom Partner?

Nicht nur. Bei alten Menschen geht es auch um den Verlust eigener Fähigkeiten, der Gesundheit, der Mobilität oder eben des Lebenspartners. Dass Suizid ein Altersthema ist, ist gesellschaftlich nicht erkannt. Alte Menschen finden nicht ausreichend Hilfe. Es gibt eine große Hemmung auf beiden Seiten – der Männer und der Behandelnden – sich auf längere Sicht mit Problemen im Alter zu beschäftigen. Auch in der Gesellschaft ist die Ansicht weit verbreitet, dass ein alter Mensch, wenn er depressiv ist, eben einfach nur alt ist. Als würden Alter und Depression zusammengehören.

Geht jedem Suizid eine Depression voran?

Etwa die Hälfte der Betroffenen hat eine Depression. Die andere Hälfte leidet unter anderen Störungen, etwa Ängste oder posttraumatische Belastungsstörungen. Beinahe jedem Suizid gehen Gefühle tiefster Verzweiflung voran.

Gibt es auch gesellschaftliche Faktoren, die Suizid begünstigen?

Die Tabuisierung tut lebensmüden Menschen nicht gut. Sie können nicht über ihre Verzweiflung sprechen. Eine Stadt wie Kassel braucht Orte, Veranstaltungen und Möglichkeiten, öffentlich über die Zustände zu sprechen, die Menschen so verzweifelt werden lassen, dass sie sterben wollen. Auch in der Kunst, im Museum, im Kino, im Theater und in der Kirche sollten wir uns damit beschäftigen. In der Bevölkerung braucht es eine Kenntnis, wie man miteinander spricht, wenn es jemandem schlecht geht und derjenige im Tunnel ist.

Was ist dabei wichtig?

Da geht es im Wesentlichen um drei Dinge: Zunächst einmal, das Leid und die Problematik des Betroffenen anzuerkennen. Zweitens sollte man in persönlichen Beziehungen deutlich machen, dass man den anderen mag, schätzt oder liebt. Etwa indem man sagt: Ich möchte, dass Du lebst. Und zum Dritten ist es wichtig, deutlich zu machen, dass Hilfe möglich ist. Wer mit Menschen mit Suizidgedanken zu tun hat, denkt oft, jetzt müsse er das einzig Richtige sagen. Selbst Professionelle haben die Vorstellung, sie müssten konkret ein Problem lösen. Dabei geht es vor allem darum, die Situation miteinander zu tragen.

Wie kann man erkennen, dass jemand suizidgefährdet ist?

Es gibt keine sichere Möglichkeit dafür, aber es gibt Hinweise. Oft ist zu hören: Wer darüber redet, tut es nicht. Das ist eine Fehleinschätzung. Menschen, die sich töten, sprechen durchaus vorher darüber. Das Problem ist, dass suizidale Menschen häufig unglücklich kommunizieren. Viele gestalten ihre Beziehungen so, dass es schwerfällt, sie zu mögen. Schon Freud sagte: Niemand tötet sich selbst, den nicht ein anderer tot wünscht. In diesem Feld der Aggression ist es schwieriger, sich offen und zugewandt um die Probleme der Betroffenen zu kümmern. Zudem ziehen viele Betroffene sich im Alltag zurück. Beim Suizid geht es um den Verlust von Beziehung. Aber Beziehungen sind es, die uns am Leben halten.

Was sollte man bei Suizidgefahr konkret tun?

Hilfe vermitteln. Bei akuter Gefahr gibt es Hilfe in der Psychiatrie. Sie ist ein Schutzraum, ein erster Ort der Weichenstellung. In Kassel gibt es nach meinem Eindruck gute psychiatrische Bedingungen mit engagierten Psychiatern und einer meist funktionierenden Verknüpfung von Psychiatrie und Psychotherapie. Die langfristige Behandlung von Suizidalität braucht sehr viel Zeit. Man sollte Betroffene ermutigen, so lange zu suchen, bis sie einen Therapeuten finden, mit dem sie wirklich reden können.

Wo sehen Sie die größten Forschungslücken?

Da gibt es noch viele. Unter anderem gilt es, sich bestimmte Risikogruppen anzuschauen sowie Lebensmüdigkeit und Suizid im Alter gut zu erforschen und gute Behandlungsmöglichkeiten zu entwickeln und zu implementieren. Deutschland braucht unbedingt ein dauerhaft finanziertes nationales Suizidpräventionsprogramm. Da stecken wir gegenüber anderen Ländern noch in den Kinderschuhen.

Zur Person

Prof. Dr. med. Reinhard Lindner (59) leitet seit 2018 das Fachgebiet „Theorie Empirie und Methoden der Sozialen Therapie“ am Institut für Sozialwesen der Uni Kassel. Er hat als Facharzt für Neurologie und Psychiatrie sowie Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie viele Jahre mit Suizidgefährdeten und alten Menschen mit psychischen Problemen in Kliniken im Hamburg gearbeitet. Lindner ist geschieden und hat zwei Kinder. Er lebt in Kassel und Hamburg.

Fachleute sprechen nicht von "Selbstmord"

Fachleute sprechen ausschließlich von „Suizid“ und vermeiden die umgangssprachlichen Begriffe „Selbstmord“ und „Freitod“. Wer Suizid begehe, sei kein Mörder, der Schuld auf sich lädt, sondern befinde sich in höchster Not. In so einer Situation könne man die Entscheidung zur Selbsttötung auch nicht als „frei“ bezeichnen. 

Hilfetelefon bei Suizidgedanken: 08001110111

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