Prof. Christoph Scherrer sieht EU-Standards im Verbraucherschutz durch geplantes Abkommen in Gefahr

Experte warnt vor Freihandel mit USA

Christoph Scherrer

Kassel. Die Europäische Union und die USA wollen mit einem Freihandelsabkommen den größten Wirtschaftsraum der Welt schaffen. Das geplante Abkommen hat aber nicht nur Befürworter. Der Handelsexperte Prof. Christoph Scherrer von der Uni Kassel spricht sich dagegen aus.

Er glaubt, dass vor allem Konzerne profitieren würden. Für den Daten- und Verbraucherschutz, die regionale Landwirtschaft und die öffentliche Versorgungsstruktur sieht er hingegen Gefahren - auch in Kassel.

Seit 2013 verhandeln EU und USA offiziell über den gegenseitigen Abbau von Zöllen, über einheitliche Sicherheitsstandards, technische Normen und Wettbewerbsregeln. Worum es konkret geht, ist allerdings geheim. Und genau das stört den Leiter des Fachgebiets Globalisierung und Politik.

„Diejenigen, die ein solches Abkommen betrifft, wissen doch gar nicht, was am Verhandlungstisch beschlossen wird“, sagt Scherrer, der vermutet, dass auch der hohe europäische Verbraucherschutz zur Diskussion steht. „Man muss davon ausgehen, dass es hinter verschlossenen Türen weniger um die Verbraucher als um Konzerninteressen geht.“ Schließlich seien es vor allem Industrievertreter, die das Abkommen vorantreiben.

Chlorhühner und Genmais

Beispiel Landwirtschaft: „Da sind uns die Amerikaner mit ihren riesigen Feldern in puncto Effizienz meilenweit voraus.“ Auch, weil sie Chemikalien und Pharmazeutika einsetzen, die innerhalb der EU nicht zugelassen sind. Mit dem Freihandelsabkommen könnte sich das ändern. „Dann könnten auch bei uns Chlorhühner und Genmais im Supermarkt liegen“, sagt er. Verbraucher müssten dann zwar weniger für ihre Lebensmittel bezahlen. „Bei Qualität und Verbraucherschutz würden wir aber klar verlieren.“ Zudem würden viele nordhessische Landwirte - Kleinbauern im Vergleich zur US-Konkurrenz - auf der Strecke bleiben.

Sollten sich die Standards zugunsten der USA verschieben, könnte auch die öffentliche Versorgung leiden. „Bei uns kümmern sich Kommunen und Kirchen um Kindergärten - in Amerika machen das private Anbieter“, sagt Scherrer. Denkbar sei, dass sich dieser Trend auch hierzulande durchsetze: „Wenn wir unsere Kinder einem Unternehmen anvertrauen, kann das zulasten der Betreuungsqualität gehen.“

Umgang mit Patientendaten

Auch beim Arztbesuch drohten Veränderungen. „Wird der deutsche Datenschutz abgesenkt, und genau das wollen US-Konzerne, werden auch Patientendaten nicht verschont“, glaubt der Professor. Pharmakonzerne könnten dann womöglich Persönlichkeitsbilder von Menschen in Kasseler Wartezimmern erstellen und gezielt Werbung machen.

Natürlich bringe ein Freihandelsabkommen nicht nur Nachteile, betont Scherrer. Er ist allerdings der Meinung, „dass wir kein Freihandelsabkommen zwischen Europa und den USA brauchen. Der Welthandel blüht auch ohne eine Absenkung von Standards.“ Foto: Schaffner

Von Sebastian Schaffner

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