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Extrembergsteigerin Gerlinde Kaltenbrunner: „Restrisiko gehe ich bewusst ein“

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Von: Axel Grysczyk

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Gerlinde Kaltenbrunner bezwingt angeseilt und mit Steigeisen eine schwierige Passage am K2
Gerlinde Kaltenbrunner blickt zurück. Die Österreicherin bezwingt angeseilt und mit Steigeisen eine schwierige Passage am K2. © Archiv Gerlinde Kaltenbrunner

Bergsteigerin Gerlinde Kaltenbrunner hat alle 14 Achttausender bestiegen. Mit uns hat sie über den Ausblick vom Gipfel, Glücksgefühle und das Risiko am Berg gesprochen.

Kassel – Gerlinde Kaltenbrunner war als Gastrednerin der Star bei den Nordhessen-Champions der HNA im Schlosshotel in Kassel. Die Österreicherin ist die erste Frau, die alle Berge über 8000 Meter auf der Welt ohne die Verwendung von künstlichem Sauerstoff bestiegen hat. Im Vorfeld der HNA-Kundenveranstaltung hatten wir Gelegenheit, mit ihr über Glücksgefühle und Tragödien am Berg zu reden, aber auch, was sie von ihren vielen Expeditionen in den Himalaya mitnimmt.

Wie ist es da oben auf den 8000ern?

Einzigartig. Wenn man gutes Wetter hat, dann ist es der Fernblick. Man sieht die Gipfel der 7000er unten, der Blick auf die Gletscherzusammenflüsse – unbeschreiblich. Auf dem Gipfel des K2 konnte ich die anderen vier 8000er in dieser Region sehen, bis rüber zum Nanga Parbat.

Für diese Ausblicke müssen Sie große Risiken auf sich nehmen. Lohnt sich das nur für diesen Ausblick?

Es ist ja nicht nur der Ausblick, vielmehr sind es die vielen faszinierenden Momente. Schon beim Anmarsch in das Basislager ist es der Kontakt zu den Einheimischen abseits jeglicher Zivilisation und mit den Teamkollegen sich in einer solchen überwältigenden Natur zu bewegen, ist großartig. Am Berg selbst gibt es trotz der großen Anstrengungen so viele Momente, in denen ich inne halte und nur den Augenblick genieße. Um so mehr ich unterwegs war, um so mehr konnte ich mich solchen Augenblicken öffnen.

Erklären Sie uns einen solchen Augenblick.

Wenn ich nach einer eiskalten Nacht mit mehr als -40 Grad um zwei Uhr nachts starte und die ersten Sonnenstrahlen auf meinen Daunenanzug treffen, durchströmt mich das so intensiv. Das sind echte Glücksgefühle. Ich spüre, wie dann neue Energie in mir strömt.

Trotz solcher Glücksgefühle liegen gerade an den hohen Bergen oft Glück und Tragödie dicht beieinander. Viele Ihrer Teamkollegen sind nicht von den 8000ern zurückgekehrt. Haben Sie nie gedacht: Das passt nicht mehr für mich?

Der Gedanke ist für mich nie aufgekommen. Ich bin jetzt schon über ein halbes Jahrhundert auf dieser Welt und habe schon nicht nur auf den hohen Bergen Tragödien erlebt, sondern auch schon in der Familie oder auf der Straße. Ein Restrisiko bleibt immer und überall. Am Berg klingt das immer tragischer, ist aber nicht mehr oder weniger tragisch, als wenn jemand daheim einen Unfall hatte.

Aber Sie setzen sich ganz bewusst einem hohen Risiko aus.

Wir versuchen so gut es geht, das Risiko zu minimieren. Das Restrisiko gehe ich bewusst ein. Natürlich bereiten wir uns vor, besprechen alles, auch, was wir zu tun haben, wenn etwas schief geht. Oberste Priorität hat nicht der Gipfel, sondern die gesunde Rückkehr.

Was motiviert Sie, sich diesem Risiko und den körperlichen Qualen immer wieder auszusetzen?

Mich faszinieren die Berge. Es hat mich schon als kleines Mädchen zum Berg hingezogen. Ich finde, von den Bergen geht so eine magische Kraft aus. Es war und ist es immer noch mein tiefer Wunsch, mit der besten Vorbereitung aufsteigen zu dürfen.

Was gehört zu einer guten Vorbereitung?

Erstmal topfit zu sein. Wenn ich nicht topfit bin, brauche ich nicht zu den hohen Bergen zu fahren. Wenn man optimal trainiert ist, gibt dies auch eine mentale Sicherheit. Eine weitere Grundvoraussetzung ist aber auch die tiefe, echte, innere Begeisterung für das, was man tut. Wenn man zu irgendwas gedrängt wird, dann verdient man vielleicht viel Geld oder wird berühmt, aber das ist nicht mein Antrieb. Wenn ich eine echte Freude habe, kann ich so viel Kraft generieren und so viel bewegen. Das geht doch jeden Menschen so, mit dem, wo er seine echte, innere Freude empfindet.

Der zweithöchste Berg der Welt, der 8611 Meter hohe K2, ist ein besonderer Berg für Sie. Warum?

Der K2 ist für mich der schönste 8000er, aber auch der schwierigste. Der Berg hat mir viel geschenkt, aber auch viel abverlangt, weil ich große Rückschläge erlebt habe. Trotzdem habe ich gespürt, der ist in mir drin. Der Wunsch, immer wieder hinzugehen, war immer da. Ich habe vier Expeditionen zum K2 gemacht, sieben Versuche zum Gipfel unternommen. Als ich es dann bei widrigsten Bedingungen auf den Gipfel geschafft habe, spürte ich diese Gnade vor diesem Berg. Der K2 hatte mich so hart auf die Probe gestellt und als ich oben war, habe ich eine so tiefe und intensive Dankbarkeit gespürt.

Bei all diesen intensiven Erfahrungen war auch mal eine dabei, wo Sie gedacht haben, jetzt ist es vorbei?

Ja, am 8167 Meter hohen Dhaulagiri. Ich verbrachte mit drei Kollegen die Nacht im Zelt im Hochlager. Morgens krachte ein Schneebrett auf unsere Zelte. Ich war allein in meinem Zelt und wurde 80 Meter mitgerissen. Wenige Meter vor einem 1000 Meter tiefen Abgrund blieb ich liegen. Ich war fast komplett im Schnee einbetoniert. Einen Arm konnte ich bewegen. Zum Glück hatte ich ein kleines Messer an meinem Klettergurt, den ich trug, weil ich ihn gar nicht ausgezogen hatte. Ein kleines Löchelchen war mir zum Atmen geblieben.

Das wäre aber nicht lange gut gegangen, weil über der Öffnung die Zeltplane war. Ich schaffte es mit dem freien Arm an das Messer zu gelangen, es mit den Zähnen zu öffnen, die Zeltplane zu durchschneiden und mich langsam immer weiter selbst auszugraben. Sofort bin ich zu den Kollegen und habe nach ihnen gegraben. Für die beiden kam leider jede Hilfe zu spät. Ich habe die Expedition abgebrochen und bin nach Hause. Drei Wochen später bin ich wieder auf Expedition aufgebrochen. Für mich ist es das Beste, so etwas in den Bergen zu verarbeiten. Dort fühl ich mich sicher und aufgehoben.

Was nehmen Sie von den Bergen mit?

Mit den Jahren nehme ich immer mehr mit – nicht nur den Gipfel. Für mich sind die Berge eine Lebensschule. Entscheidend ist aber, dass es mir nichts bringt, wenn mir jemand das alles erzählt. Ich muss es spüren und erleben. Was ich mitgenommen habe, ist vor allem Geduld haben. Man muss im Leben geduldig sein, um etwas zu erreichen. Es gehört auch dazu, die Bereitschaft haben, Umwege in Kauf zu nehmen. Es geht nicht immer schnurgerade. Wichtig ist auch Gelassenheit und Ruhe bewahren, auch wenn es aussichtslos erscheint. Es gibt so viel, zum Beispiel auch achtsam zu bleiben und nicht oberflächlich zu werden. Und von den großen Bergen lernt man Dankbarkeit und Respekt zu haben.

Was geben Sie den nordhessischen Bergwanderern für den Sommer für Tipps?

Auf jeden Fall zu reflektieren, ob es möglich ist, das gesteckte Ziel mit den eigenen Möglichkeiten zu erreichen. Ich hoffe, dass das alle können. Und wenn ein komisches Bauchgefühl da ist, lieber eine kleinere Tour machen oder auf einen Bergführer zurückgreifen.

Gerlinde Kaltenbrunner

ist die erste Frau, die alle 14 Achttausender auf der Welt ohne Hinzunahme von künstlichem Sauerstoff bezwungen hat. Die 52-Jährige Österreicherin wuchs in Spital am Pyhrn auf. Der örtliche Pfarrer nahm sie als kleines Mädchen nach der Sonntasmesse mit auf die Berge. Damit war eine Leidenschaft geweckt, die sie bis heute nicht mehr losgelassen hat.

Als sie als Jugendliche einen Vortrag über den K2 gesehen hatte, war es um sie geschehen. Die gelernte Krankenschwester wollte unbedingt auf die hohen Berge.

Mit 23 Jahren erreichte sie erstmals mit dem Vorgipfel des 8051 Meter hohen Broad Peaks eine Höhe von über 8000 Metern. 2011 erreichte sie im siebten Versuch mit dem K2 ihren letzten Achttausender. Im Herbst will sie in Nepal einen 7000er bezwingen.

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