Fachleute: Online-Angebote senken Hemmschwelle für Verschuldung

Konsum per Mausklick: Viele Online-Versandhändler verlangen keine Vorkasse, sondern verschicken ihre Waren auch auf Rechnung. Das verführt etliche Konsumenten dazu, mehr zu bestellen, als sie sich momentan leisten können. Foto: dpa

Kassel. Trennung, Krankheit und Jobverlust ziehen oft finanzielle Probleme nach sich. Doch immer häufiger sind es einfach die kleinen Konsumgelüste, mit denen sich Menschen in eine ausweglose Situation manövrieren. 

Ratenkäufe, Handyverträge und Internetbestellungen auf Pump haben als Hauptauslöser für Überschuldungen stark an Bedeutung gewonnen, sagt die Wirtschaftsauskunftei Creditreform.

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Schuldnerberater aus der Region bestätigen das. Bei der Beratungsstelle im Kasseler Rathaus seien Konsumschulden in 40 bis 60 Prozent aller Fälle der Hintergrund von Problemen, schätzt Markus Huke, Leiter der zuständigen Fachstelle Wohnen. Oft hätten Betroffene kein Problembewusstsein, wie sich eine dauerhaft eingegangene Zahlungsverpflichtung auf ihr Budget auswirke. Huke nennt als Beispiel Handy- und Datenverträge, bei denen gewisse Extras mit Klauseln wie „Drei Monate gratis“ angepriesen werden. Da gerate es schnell aus dem Blick, dass nach einiger Zeit deutlich höhere Kosten abgebucht werden als zunächst gedacht.

Und wenn das Geld dann nicht mehr reicht: „Schulden machen ist eine sehr niedrigschwellige Angelegenheit geworden“, sagt Christoph Freiburger, Schuldnerberater beim Diakonischen Werk in Kassel und Hofgeismar. Vor allem jüngere Konsumenten und hier besonders jene mit relativ niedrigem Bildungsniveau seien gefährdet, zwischen verlockenden Rechnungskauf-Angeboten per Mausklick und Null-Prozent-Finanzierungen (die bei Zahlungsverzug schnell teuer werden können) den Überblick zu verlieren und in eine Schuldenspirale zu geraten.

Die Frage, ob jemand Geld verdient oder arbeitslos ist – was noch immer der häufigste Überschuldungsgrund ist – spielt dabei nach Ansicht Freiburgers nur eine untergeordnete Rolle: „Es konsumiert ja jeder, nur auf unterschiedlichem Niveau.“ Es komme darauf an, ob man im Rahmen der persönlichen Möglichkeiten oder über seine Verhältnisse lebe.

Nach Angaben von Creditreform sind es schwerpunktmäßig Männer zwischen 18 und 30 Jahren, die sich finanziell übernehmen. Überschuldete Privatpersonen stehen durchschnittlich mit 33 000 Euro in der Kreide. Sebastian Schlegel, Geschäftsführer bei Creditreform in Kassel, sieht eine zentrale Triebkraft für wachsende Schuldenprobleme in der zunehmenden Verbreitung von Smartphones und Tablets, mit denen man praktisch jederzeit online sei und einer Dauerberieselung mit Konsumverlockungen ausgesetzt werde.

„Man kann praktisch keine Website mehr öffnen, ohne mit Werbung bombardiert zu werden“, sagt Schlegel. Da diese Botschaften immer zielgerichteter darauf abgestimmt würden, für was sich die Leute bei ihren Internet-Ausflügen interessieren, sinke die Hemmschwelle, sich zu verschulden.

Von Axel Schwarz

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