Kasseler Gastwirt und Rossschlächter geht nach über 50 Jahren in den Ruhestand

Gaststätte „Zum goldenen Fäßchen“ schließt seine Pforten

Gute Freunde: Manfred Kretschmayer (Mitte) stößt ein letztes Mal mit Helga und Ferdinand Neuhauer an. Foto: rax

Kassel. Die Stammgäste von Ferdinand Neuhauer brauchten gestern viel Bier, um ihren Abschiedsschmerz herunterzuspülen. Zum letzten Mal hatte der 68-Jährige am Morgen die Tür zu seiner Gaststätte „Zum goldenen Fäßchen“ am Pferdemarkt geöffnet.

„Eine Ära geht heute zu Ende. Wir sind alle sehr traurig“, sagte Stammgast Manfred Kretschmayer. Einen wie Ferdinand Neuhauer könne man eben nicht ersetzen, sagte auch Michael Arndt, der seit über 30 Jahren in dem Lokal ein und aus geht.

Das „Goldene Fäßchen“ gehört zu den ältesten Gastwirtschaften in der Altstadt. „Mein Urgroßvater hat das Lokal 1876 eröffnet, zuerst war es in der Wildemannsgasse, seit 1907 ist es in der Kastenalsgasse“, erzählt Ferdinand Neuhauer, der schon mit 14 Jahren hier mit eingestiegen ist.

Bekannt ist der gelernte Fleischer in Kassel aber vor allem als letzter Rossschlächter in der Stadt. Zwischen der Metzgerei direkt nebenan - die sein Bruder Karl Neuhauer führt, der hier kein Pferdefleisch mehr verkauft - und seinem Lokal pendelte Ferdinand Neuhauer hin und her. Manchmal arbeitete er 20 Stunden am Tag.

Roulade vom Pferd

Pferdefleisch stand natürlich auch auf der Speisekarte im „Goldenen Fäßchen“. Zubereitet haben Rouladen, Gulasch und Filets vom Ross seine Ehefrau Helga und Mitarbeiterin Gabriele Hühner. „Ich habe viele meiner Gäste davon überzeugen können, dass Pferdefleisch das beste Fleisch ist, das es gibt“, sagt Ferdinand Neuhauer.

Pferde schlachtet er künftig nur noch privat, wenn Freunde ihn darum bitten. Leicht gefallen sei ihm das Töten der Tiere nie. Zumal er im Schlachthof Zeuge etlicher Dramen wurde. Denn oft hätten die Besitzer der Pferde ihre Vierbeiner auf deren letztem Weg begleitet. „Manche sind umgefallen, viele haben geweint, ich habe alles erlebt. Das ist ja verständlich, ein Pferd ist schließlich auch ein guter Freund. Mit diesen großen Tieren muss ganz besonders behutsam und mit großem Respekt umgehen, sonst kann es gefährlich werden“, sagt Ferdinand Neuhauer, der selbst einige Verletzungen durch Huftritte einstecken musste.

So sind nicht zuletzt seine lädierten Rückenwirbel ein Grund für seine Entscheidung, sich nach über 50 Jahren sowohl von der Gaststätte als auch von der Rossschlachterei endgültig zu verabschieden. Ein Schritt, der nicht nur seinen Gästen, sondern vor allem ihm selbst sehr schwerfällt. „Es war eine schöne Zeit. Wir werden das Mobiliar, das ich seit den 70er-Jahren nicht ausgewechselt habe, erst mal stehen lassen“, sagt er. Denn ab und zu möchte er sich noch mal an seine Theke stellen und sich an die alten Zeiten erinnern. (rax)

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