Vor allem Senioren stürzen häufig

Mehr Fahrrad-Unfälle in den Ferien: Viele unterschätzen ihr E-Bike

Nicht immer ist der Radweg so frei wie hier an der Hessenkampfbahn: Chirurgen stellen fest, dass seit Beginn der Sommerferien immer mehr Radunfälle passieren – vor allem Senioren mit E-Bikes sind betroffen.
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Nicht immer ist der Radweg so frei wie hier an der Hessenkampfbahn: Chirurgen stellen fest, dass seit Beginn der Sommerferien immer mehr Radunfälle passieren – vor allem Senioren mit E-Bikes sind betroffen.

Wegen Corona gibt es in Kassel in den Sommerferien mehr Fahrradunfälle. Betroffen sind vor allem Senioren, die ihr E-Bike unterschätzen.  

Kassel - Wegen der Corona-Pandemie passieren in den Sommerferien deutlich mehr Radunfälle als sonst. So behandelte der Unfallchirurg Dr. Werner Weißenborn aus Kassel in den vergangenen vier Wochen jeden Tag etwa ein halbes Dutzend Patienten, die mit dem Rad gestürzt waren – dreimal mehr als üblich. Ähnliche Erfahrungen hat sein Kollege Sebastian Koch aus Baunatal (Kreis Kassel) gemacht.

Laut Weißenborn ist der Anstieg darauf zurückzuführen, dass wegen der Pandemie viele Nordhessen den Urlaub zu Hause verbringen und in der freien Zeit mit dem Fahrrad fahren. Aktuelle Zahlen über Verkehrsaufkommen und Unfälle haben weder Polizei noch Stadt. Aber die Beobachtungen der Chirurgen decken sich mit der Erfahrung von Jürgen Vöckel vom Allgemeinen Deutschen Fahrrrad-Club (ADFC): „Wegen Corona fahren mehr Menschen nicht mehr mit dem ÖPNV, sondern mit dem Rad.“

Fahrrad-Unfälle in Kassel: „Oft werden Geschwindigkeiten unterschätzt“

Laut Weißenborn sind viele seiner Patienten Senioren, die mit dem E-Bike gestürzt sind. „Ältere Menschen können sich nicht mehr so gut abfangen wie Kinder und fallen ungebremst auf den Kopf“, sagt der 58-Jährige. „Oft wird die Geschwindigkeit unterschätzt, sodass Stürze mit erheblichen Verletzungen passieren.“ Viele seien ohne Helm unterwegs.

Neben Platzwunden behandelt er vor allem Verletzungen am Ellenbogen und Schädel. Eine Frau zog sich sogar eine Halswirbelfraktur zu und ist nun querschnittsgelähmt.

Bei der Polizei verzeichnete man bereits 2019 eine Zunahme der Unfälle mit E-Bikes um 43 Prozent. Das liegt jedoch nicht nur daran, dass immer mehr Senioren mit Motorunterstützung unterwegs sind, sondern auch an Pendlern, die mit dem E-Bike zur Arbeit fahren.

Laut Weißenborn passieren die meisten Unfälle ohne Fremdeinwirkung: Radler rutschen auf Schotterwegen aus, bleiben an Bordsteinkanten hängen oder biegen mit zu hoher Geschwindigkeit ab. Unfallschwerpunkte hat die Polizei nicht ausgemacht. Laut Sprecherin Ulrike Schaake sind allerdings Innenstadt und Vorderer Westen häufiger betroffen.

Kassel: 2019 gab es mehr schwer verletzte Radfahrer

Im vergangenen Jahr verzeichnete die Polizei in Kassel 216 Radunfälle. Das sind weniger als 2018, als 255 Vorfälle passierten, aber auch mehr als 2017 (185). Zudem gab es 2019 mehr Schwerverletzte (30 gegenüber 26 im Vorjahr) und sogar einen Toten. Laut dem Statistischen Bundesamt kamen in Deutschland im Vorjahr 445 Radfahrer ums Leben – fast 17 Prozent mehr als 2010. Bei Radunfällen mit Autos hat in drei Vierteln der Fälle der Autofahrer die Hauptschuld.

Heidi Albert war schon fast wieder zuhause, als das Unglück passierte. Vor drei Wochen machte die 73-Jährige aus Besse eine E-Bike-Tour mit ihrem Mann. Auf einem asphaltierten Feldweg kurz vor dem Edermünder Ortsteil kam die Seniorin ins Straucheln, stürzte und brach sich den Ellenbogen. Außerdem erlitt sie Abschürfungen und Prellungen. Der Kopf blieb dank eines Helms heil. Auch das 2500 Euro teure Rad ist weiter intakt.

Unfälle wie der von Albert passieren häufiger als sonst in diesen Wochen, wie Unfallchirurg Dr. Werner Weißenborn berichtet. Der Mediziner hat die Patientin in seiner Praxis im Forstfeld versorgt, ehe sie im DRK-Krankenhaus operiert wurde. Seit Ferienbeginn hat sich die Zahl der Patienten verdreifacht, die wegen Radunfällen zu ihm kommen. Besonders häufig stürzen demnach Senioren mit E-Bikes.

Fahrrad-Unfälle in Kassel: Fahrradclub bietet Fahrtechnik-Kurse an

Jürgen Vöckel vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) verwundert das nicht. Viele Ältere, die nun flott mit dem E-Bike unterwegs sind, „denken, das sei wie vor 40 Jahren, als sie Rad gefahren sind“. Ist es aber natürlich nicht, weil ihr Rad nun einen Motor hat und ihre koordinativen Fähigkeiten in der Regel abgenommen haben. Der ADFC bietet darum regelmäßig Pedelec-Fahrtechnik-Kurse an, in denen die Teilnehmer für ihr Gefährt fit gemacht werden.

Unfälle können aber auch geübten Radfahrern wie Heidi Albert passieren. Im Urlaub legt sie mit ihrem Mann schon mal 400 Kilometer in der Woche an der Ostsee zurück. Gerhard Albert (76) hat jahrelang die beliebten Radtouren des Radiosenders HR4 durch Hessen mitgemacht. Trotzdem sagt er: „Man kann das E-Bike leicht unterschätzen.“

Chirurg Weißenborn appelliert, vorsichtiger zu fahren und sich an die Verkehrsregeln zu halten, damit er künftig weniger zu tun hat. Und Rad-Experte Vöckel empfiehlt, auch mal abseits der beliebtesten Routen und nicht nur an der Fulda unterwegs zu sein: „Am Wochenende fahre ich auf keinen Fall auf dem R1.“

Der nächste Pedelec-Fahrtechnik-Kurs des ADFC in der Hafenstraße in Kassel startet am 21. August. Infos unter 0151/70814007 und adfc-kassel.de. (Matthias Lohr)

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