"Wie ein Hochsicherheitsbereich auf der Autobahn"

Wegen Fahrradstraße: Anwohner in Kassel sehen Rot - "Merkwürdige Art mit Bürgern umzugehen"

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Die bunteste Straße Kassels: Auch an der Einmündung von der Drahtbrücke ist die Blücherstraße nun rot. Das soll die Fahrradstraße sicherer machen.

Kassel will Fahrradstadt werden. Dafür wurden nun Teile der Fahrradstraße in der Unterneustadt rot angemalt. Viele Anwohner haben kein Verständnis, dass Radlern der rote Teppich ausgerollt wird.

Wenn Marcus Leitschuh in seinen alten Stadtteil schaut, erkennt er ihn seit dieser Woche nicht wieder. 44 Jahre hat der Lehrer und Kasseler CDU-Stadtverordnete in der Unterneustadt gelebt. Nun schreibt er bei Facebook: „Was da in meiner alten Heimat passiert, macht einen schon etwas traurig.“ Dazu teilte Leitschuh ein Foto der neuen roten Fahrbahnmarkierung in der Blücherstraße.

An sechs Straßeneinmündungen ist die Fahrradstraße seit dieser Woche strahlend rot. Für Leitschuh sieht sie nun aus wie ein „Hochsicherheitsbereich auf der Autobahn. An anderen Stellen wäre das sinnvoller gewesen, aber hier sehe ich keine Notwendigkeit, in dieser Dominanz zu handeln.“

Viele Anwohner denken so. „Ich bin sprachlos“, sagt Elke Bonow-Ehlert und findet dann doch Worte, als sie Mittwoch eine halbe Stunde mit ihrem Auto auf der Jahnstraße warten muss, bis die frisch aufgetragene Farbe getrocknet ist: „Das hat niemand angekündigt. Es ist eine merkwürdige Art, mit Bürgern umzugehen.“ Auch sie findet das alles überdimensioniert.

Seit Monaten wird in Kassel über die Förderung des Radverkehrs gesprochen

Zuletzt gab es in der Unterneustadt einen Ortstermin, bei dem Vertreter der Stadt über wegfallende Parkplätze auf der Fahrradstraße informierten. Dass diese nun quasi über Nacht die bunteste Straße Kassels wurde, hatte kaum einer erwartet.

Selbst für die Aktivisten der Initiative Radentscheid kam das überraschend. „Die Fiedlerstraße hätte sicher den dringendsten Bedarf, dann die Menzelstraße und erst dann die Blücherstraße“, urteilt Gilbert Sandte über die drei wichtigen Fahrradstraßen der Stadt. Trotzdem findet er das Rot als Signalfarbe gut, denn „Kreuzungsbereiche sind immer sicherheitskritisch.“

Trotzdem bleibt die Frage, warum die Stadt ausgerechnet an einem Ort handelt, wo es offensichtlich kaum Probleme gibt zwischen Rad- und Autofahrern. Um bei der Förderung des Radverkehrs die Ziele zu erreichen, müsse „zügig agiert werden“, sagt Stadtsprecher Michael Schwab: „Da in der Blücherstraße keine baulichen Maßnahmen nötig sind, wurde hier begonnen.“

Autofahrer sollen direkt merken, dass sie auf einer Fahradstraße sind

Autofahrern solle „unmissverständlich“ klargemacht werden, dass sie auf einer Fahrradstraße sind, wo besondere Regeln gelten. Zum Beispiel dürfen Radler nebeneinander fahren. Zudem sollen Fahrradstraßen bald einheitlich Vorfahrt haben.

47.000 Euro hat sich die Stadt das nun kosten lassen. Menzel- und Fiedlerstraße sollen 2020 ebenso umgestaltet werden. Die bunteste Straße Kassels ist dann vermutlich nicht mehr in der Unterneustadt. Leitschuh wird wohl auch das nicht gefallen: „Es gibt echt Schöneres.“

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