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Immer mehr Prüflinge in Nordhessen fallen durch die Fahrprüfung  

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Von: Claudia Feser

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Immer mehr Fahrschüler in Nordhessen fallen durch die Fahrprüfungen. Das hat der Tüv Hessen mitgeteilt, der die Prüfungen abnimmt.

Kassel - Die Niederlassung Kassel hatte im Jahr 2021 mit 33,1 Prozent die in Hessen höchste Nichtbesteherquote in der praktischen Fahrerlaubnisprüfung aller Fahrklassen. Der hessische Durchschnitt lag bei 26,9 Prozent. Die Theorie hatten 31,9 Prozent aller nordhessischen Prüflinge nicht bestanden.

Im Vergleich mit den anderen Bundesländern steht Hessen noch ganz gut da: Negativer Spitzenreiter ist Hamburg, wo die Durchfallquote bei den praktischen Fahrprüfungen bei 45 Prozent liegt (Theorie: 32 Prozent). In Niedersachsen lag die Quote bei 30,3 Prozent (praktische Prüfung). Die Durchfallgründe sind vielfältig, sagen die Fahrlehrer. Zum einen liege es oft an den fehlenden Sprachkenntnissen der Prüflinge mit Migrationshintergrund, sagt Ulf Warlich, Regionalvorsitzender des Fahrlehrerverbands aus Borken.

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Fahrschüler in Nordhessen: „Jugend ist nicht mehr so belastbar“

Er unterrichtet seit 30 Jahren und sagt: „Die Jugend hat sich geändert, sie ist nicht mehr so belastbar.“ Außerdem gingen die Jugendlichen heutzutage viel nervöser und ängstlicher in die Prüfungen. „Auf dem Dorf konnten sie früher schon ein bisschen Autofahren und wussten, wo Gas, Kupplung und Bremse liegen. Heute kommen sie völlig unbedarft zur Fahrschule.“

Uwe Herrmann vom Tüv Hessen berichtet von ähnlichen Erfahrungen: „Kinder werden heute bei Mama und Papa ins Auto auf die Rückbank gesetzt, dem Nachwuchs wird ein elektronisches Gerät wie Handy oder DVD-Player in die Hand gedrückt, damit er auf der Fahrt ruhig ist.“

Das Elterntaxi fahre den Nachwuchs in die Schule und hole ihn wieder ab oder der eventuelle Fußweg werde mit dem Handy in der Hand zurückgelegt. „Dadurch wird das, was früher den Kindern in die Wiege gelegt wurde, ausgehebelt“, sagt Herrmann. Die Verkehrserziehung liege dann ausschließlich bei den Fahrlehrern. Weiterer Grund seien auch die steigenden Verkehrszahlen und damit ein anspruchsvollerer Verkehr.

Udo und Sandra Sellner stehen in ihrer Fahrschule vor einem Wandbild, das Motorrad, Auto, Lkw und den Herkules zeigt
Vater und Tochter sind Fahrlehrer: Udo und Sandra Sellner unterrichten Schüler vom Mofa- bis zum Lkw-Führerschein. Sitz der Fahrschule Sellner ist in Wehlheiden und in Vellmar. © Claudia Feser

Fahrschule Wehlheiden und Vellmar: Fahrprüfung schwieriger und komplexer als früher

Die Fahrprüfung ist schwieriger und komplexer geworden, sagt Fahrlehrer Udo Sellner. Er ist seit 45 Jahren Fahrlehrer und betreibt Fahrschulen in Wehlheiden und Vellmar.

Rund zweieinhalbtausend Fahrschüler hat er seitdem zur Prüfung geführt und festgestellt, dass sie mittlerweile immer weniger belastbar seien und weniger Vorwissen hätten.

In Fahrlehrerkreisen kursiert folgender Witz: In der ersten Fahrstunde in der Stadt sagt ein Fahrlehrer zum Schüler: Das ist das Gas, das die Bremse und das die Kupplung. Los geht’s. Auf dem Land sagt ein Fahrlehrer in der ersten Fahrschule zum Schüler: Steig ein, da vorne ist der Metzger, ich habe Hunger. Das heißt so viel wie: Fahrschüler auf dem Land kennen sich schon vor der ersten Fahrstunde mit dem Auto aus.

Hohe Durchfallquote in Nordhessen: Bulimie-Lernen und mangelndes Selbstbewusstsein

Das sei früher so gewesen, heute stimme das nur bedingt, sagt Sellner. Denn früher seien mehr Eltern mit ihren Kindern auf den Verkehrsübungsplatz in Hertingshausen gefahren, um vor der Fahrschule schon mal ein bisschen zu üben. Durch die ausgeprägte Handynutzung zeigten mittlerweile viele Schüler vor der Fahrschulzeit wenig Interesse am Auto. Sie würden dann länger brauchen, um mit dem Fahrzeug zurechtzukommen und die Bedienung kennenzulernen.

„Manchen fällt es zum Beispiel schwer, das Auto gerade in der Spur zu halten und nicht zu weit rechts oder links zu fahren“, berichtet Sandra Sellner, die seit 20 Jahren Fahrlehrerin in der Fahrschule ihres Vaters ist. Viele Schüler hätten ein mangelndes Selbstbewusstsein, seien wenig belastbar und zuweilen überfordert. „Sie haben lange Schule, haben dann noch spät Fahrstunde – da passt kaum noch was in den Kopf rein.“

Zur Vorbereitung auf die theoretische Prüfung stellt Sandra Sellner Bulimielernen fest: „Wissen geht schnell rein in den Kopf und nach der Prüfung wieder schnell raus aus dem Kopf. Beim Fahren im Auto fangen wir dann wieder von vorne an.“ Mancher Schüler habe ein ungewöhnliches Lernprinzip, berichtet sie. Ein Schüler habe bei den Fragen nur die falschen Antworten gelernt mit der Begründung, dann müsse er weniger lernen, weil es weniger falsche als richtige Antworten anzukreuzen gebe. „Damit kann man zwar die Prüfung schaffen, versteht aber nicht den Sachverhalt.“

Fahrschulen in Nordhessen: Mangelndes Verständnis und Kommunikation

Das Verständnis und die Kommunikation sei ein großes Problem, insbesondere für manche Fahrschüler mit Migrationshintergrund, sagen Sandra und Udo Sellner. Zwar können sie die Fragen für die Theorieprüfung in zwölf Sprachen lernen und die Prüfung auch in einer dieser Sprachen absolvieren. Die Sprache im Auto ist aber Deutsch.

Ein Drittel der Fahrschüler wollen ihre Führerscheine umschreiben lassen, also sie haben den Führerschein in ihrem Heimatland bekommen und wollen ihn auf eine deutsche Fahrerlaubnis umschreiben lassen. Hierfür sind eigentlich keine Pflichtstunden in Theorie und Praxis nötig, sondern nur eine Prüfung. Fahrerin Sellner hat aber oft die Erfahrung gemacht: „Sie kennen zwar die Regeln, können sie aber nicht anwenden.“

Mitunter seien dann doch zwischen 20 und 40 Fahrstunden nötig bis die Fahrlehrer diese Schüler ruhigen Gewissens zur Prüfung anmelden können. Diese Fahrschüler würden sehr schnell und kräftig hupen, und Fahrlehrerin Sellner hört oft den Satz: „Das ist bei uns zuhause aber anders.“

Ursache fürs Nichtbestehen bei Fahrprüfung: Prüfungsstress

Eine Ursache für das Nichtbestehen sei der Prüfungsstress, sagt Udo Sellner und berichtet von „der schlimmsten Kreuzung für Fahrschüler in Kassel“: die Kreuzung Frankfurter Straße/Raiffeisenstraße/HNA-Gelände. Denn die praktischen Prüfungen starten beim TÜV – entweder geht’s dann nach rechts stadtauswärts oder nach links in Richtung HNA.

Die Ampelkreuzung an der Frankfurter Straße hat eine sehr kurze Grünphase, liegt leicht bergauf, und der Abstand der Haltelinie zur Ampel ist lang. Hat es der Prüfling dann doch bei Grün geschafft, muss er noch auf den Gegenverkehr vom HNA-Parkplatz achten – und da ist dann die Prüfung oft schon zu Ende. Vorfahrt des Gegenverkehrs beim Linksabbiegen missachtet. Und das, obwohl diese Kreuzung oft geübt wird, sagen die Fahrlehrer Sellner.

Auch wenn sie alle Regeln im Straßenverkehr kennen, machen auch Fahrlehrer zuweilen einen Fehler: „Bei der Eröffnung des Blitzers auf der B 7 war ich dabei“, berichtet Fahrlehrerin Sellner. Zu schnell unterwegs – geblitzt. (Claudia Feser)

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