Bürger fordern Klärung

Fall Branner: Hilgen gerät durch Offenen Brief unter Druck

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Beliebt: Karl Branner (von 1963 bis 1975 im Amt) galt als bürgernaher Oberbürgermeister. 1997 ist der Kasseler Ehrenbürger verstorben. Unser Archivfoto zeigt ihn vor dem Rathaus.

Kassel. Oberbürgermeister Bertram Hilgen (SPD) kommt wegen der Aufarbeitung der NS-Geschichte des früheren Oberbürgermeister Karl Branner (1910-1997) unter Druck. In einem Offenen Brief fordern die Unterzeichner – vor allem Professoren, Lehrer und Kulturschaffende – die zahlreichen Ehrungen für Branner zu hinterfragen.

Zudem kritisieren sie, dass Hilgen ein Historikerteam aus Marburg mit der weiteren Aufarbeitung beauftragen will. Dadurch würden die Erkenntnisse der Kasseler Professoren in Zweifel gezogen.

Wie die HNA berichtete, war die NS-Vergangenheit Branners durch die Veröffentlichung des Buches „Kassel in der Moderne“ der Kasseler Professoren Jens Flemming und Dietfrid Krause-Vilmar öffentlich geworden. Branner (von 1963 bis 1975 SPD-Oberbürgermeister) war schon im Mai 1933 in die NSDAP eingetreten. Zudem hatte er sich 1937 in seiner Doktorarbeit an der Uni Göttingen dem Gedankengut der Nazis bedient.

Der Offene Brief im Wortlaut.

Den Initiatoren des Offenen Briefes stößt eine Äußerung Hilgens auf, die er in einem Interview mit der HNA am 12. Oktober getätigt hatte. Wenn Hilgen sage „Nicht alle Menschen waren damals Widerstandskämpfer“ mahne er Verständnis für die Verstrickungen Branners an. Hilgen wolle es offenbar allen Recht machen: Opfern, aber auch Kollaborateuren und Profiteuren der Nazi-Diktatur. Zu diesen zähle Branner. Diesen Vorwurf weist Hilgen auf HNA-Anfrage entschieden zurück.

Infos zu Karl Branner im HNA-Regiowiki.

Zu den 40 Unterzeichnern des Offenen Briefes zählen Hochschullehrer, Lehrer, Mitglieder des Runden Tisches der Kasseler Kulturgesellschaften und ein Mitglied der jüdischen Gemeinde. Darunter etwa Prof. Frank Stern (Franz Rosenzweig-Gastprofessur), Dr. Silvia Gingold (Tochter der Widerstandskämpfer Ettie und Peter Gingold), Rolf Wekeck (Sprecher der Naturfreunde Hessen-Kassel) und Rayisa Anbrokh, Mitglied der Kasseler Jüdischen Gemeinde.

Nach Auskunft von Stadtsprecher Ingo Happel-Emrich soll Prof. Dr. Eckart Conze von der Uni Marburg die NS-Vergangenheit Branners aufarbeiten. Auch der Lebenslauf des Nachkriegsoberbürgermeisters Willi Seidel (SPD), der eine Aufnahme in die NSDAP beantragt hatte, solle überprüft werden.

Im Dezember werde die Arbeit begonnen, für die der Magistrat 14 000 Euro bewilligt hatte. Der Auftrag sei bewusst an Historiker außerhalb Kassels vergeben worden, sagte Happel-Emrich. Hilgen sei es wichtig, dass die Fragen mit dem Blick von außen und unabhängig von einer möglichen öffentlichen Vorprägung in der Stadt Kassel untersucht werden. Die Stadt rechne mit Ergebnissen in einem Jahr.

Mögliche Konsequenzen seien erst möglich, wenn die Ergebnisse der Untersuchung vorlägen.

Hintergrund: Branners Ehrungen

• Ehrenbürger

• Große Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband der Bundesrepublik Deutschland

• Ehrenoberbürgermeister

• Karl Freiherr vom Stein-Plakette des Landes Hessen

• Hessischer Verdienstorden

• Goethe-Plakette des Landes

• Ehrensenator der GhK (heute Uni Kassel)

• Eine Brücke und eine Rathaushalle sind nach ihm benannt

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