Mordfall Walter Lübcke

Fall Lübcke: Jurist hat Zweifel an neuem Geständnis von Stephan Ernst

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Tatort Istha: Auch nach dem erneuten Geständnis von Stephan Ernst ist weiter unklar, was in der Nacht zum 1. Juni vorigen Jahres auf der Terrasse von Walter Lübcke passierte

Stephan Ernst belastet seinen Komplizen Markus H. Walter Lübcke ermordet zu haben. Der Kasseler Anwalt Knuth Pfeiffer hat erhebliche Zweifel.

  • Stephan Ernst wird verdächtigt den Kasseler RegierungspräsidentenDr.  Walter Lübcke ermordet zu haben.
  • Er belastet in seinem neuen Geständnis seinen KomplizenMarkus H.
  • Anwalt Knuth Pfeiffer aus Kassel hat Zweifel am neuen Geständnis
  • Das ursprüngliche Geständnis ist der Maßstab für die Bewertung des Falls

Wie glaubhaft sind die neuen Aussagen von Stephan Ernst?

Knuth Pfeiffer: Für mich stellen sich seit Mittwoch eine Menge Fragen. Zunächst haben wir weiterhin das ursprüngliche Geständnis von Stephan Ernst. Für die Bundesanwaltschaft dürfte das bei der Bewertung des Falls nach wie vor der Maßstab sein. Alles, was danach kam, sind nur Widerrufe oder Ergänzungen.

Warum ist das erste Geständnis von Stefan Ernst nach wie vor so wichtig?

Weil er darin nicht nur die Tat gestanden, sondern auch seine Motivation zur Tat geschildert hat. Das ist für die Beweisführung von erheblicher Bedeutung. Fragwürdig sind Ernsts neuerliche Aussagen für mich aus mehreren Gründen. Erstens hat Markus H. keinerlei Spuren am Tatort hinterlassen. 

Zweitens wird Ernst von Zeugen eher als ausführendes Organ bezeichnet, während H. der intellektuelle Denker gewesen sein soll. Nun soll Ernst ihm aber die Waffe ausgehändigt und nach dem tödlichen Schuss wieder an sich genommen haben. Da fragt sich jeder: Warum hat er das gemacht? Ich habe erhebliche Zweifel an seiner Version.

Mordfall Walter Lübcke: Neues Geständnis passt nicht zu den Spuren am Tatort

Bislang hatte die Bundesanwaltschaft davon gesprochen, dass Walter Lübcke heimtückisch ermordet wurde. Nun soll er im Streit aus Versehen getötet worden sein.

Das ist für mich das allergrößte Fragezeichen. Versehentlich kann ein Schuss direkt hinters Ohr meiner Ansicht nach nicht abgegeben worden sein. Widersprüchlich ist zudem die Aussage, dass die beiden nach Istha gefahren seien, um Walter Lübcke eine Abreibung zu verpassen. 

Dabei soll es zu einer Auseinandersetzung zwischen Lübcke und Markus H. gekommen sein, ohne dass er an dem Politiker Spuren hinterlassen hat? Das passt nicht zusammen.

Knuth Pfeiffer, Fachanwalt für Strafrecht

Sein erstes Geständnis nahm Ernst zurück, nachdem der Dresdner Rechtsanwalt Frank Hannig seine Verteidigung übernommen hatte. Welche Taktik könnte nun hinter dem neuerlichen Geständnis stehen?

Das ist ganz schwer zu beurteilen. Ich habe den Eindruck, dass auf dem Rücken des Mandanten eine Inszenierung der Verteidigung erfolgt – mit Social Media und Filmaufnahmen aus dem anstehenden Prozess. Unter Fachanwälten für Strafrecht werden Sie dafür nur sehr wenig Verständnis finden. 

Es ist äußerst unüblich, dass sich ein Verteidiger in der Öffentlichkeit schon zu Wort meldet, wo noch nicht einmal die Anklage vorliegt. Das klingt nicht nach einer seriösen und an der Sache orientierten Verteidigung.

Mordfall Walter Lübcke: Neues Geständnis könnte Auswirkungen auf das Strafmaß haben

Was bedeutet es für das Strafmaß, wenn Ernst nicht wegen Mordes, sondern fahrlässiger Tötung angeklagt wird?

Das ist ein erheblicher Unterschied. Bei fahrlässiger Tötung liegt das Maximalstrafmaß bei fünf Jahren. Für Mord gibt es lebenslänglich.

Anders als Stephan Ernst hat sein Komplize Markus H. bislang kein Geständnis abgelegt.

Das sorgt für eine spannende Konstellation. Für die Bundesanwaltschaft bedeutet das eine gesteigerte Ermittlungsaufgabe. Die Vorgehensweise des Anwalts von Markus H. halte ich für deutlich klüger. Ich habe übrigens auch nicht verstanden, warum Stephan Ernst gleich bei seiner ersten Vernehmung ein Geständnis abgelegt hat.

Mordfall Lübcke: Anwalt aus Kassel hält erstes Geständnis für wahr

Angeblich soll ihm dafür finanzielle Unterstützung für seine Familie versprochen worden sein.

Auch diese Aussage halte ich für extrem fragwürdig. Warum sollte jemand lebenslang hinter Schloss und Riegel gehen für eine Tat, wenn er sie nicht begangen hat. 

Das bedeutet bei einer lebenslangen Freiheitsstrafe mindestens 15 Jahre, und hier durch die politische Motivation mindestens 20 Jahre. Dass unter diesen Voraussetzungen jemand ein Geständnis ablegt wegen angeblicher finanzieller Vorteile, ist Unsinn.

Ursprünglich sollte die Anklage um den Jahreswechsel erhoben werden. Wie lang könnte sich das nun verzögern?

Ich glaube nicht, dass es sich sehr verzögern wird. Natürlich muss die Bundesanwaltschaft die neuen Aussagen mit den bisherigen Ermittlungsergebnissen vergleichen. Trotzdem rechne ich damit, dass die Anklage im Lauf des Februars fertig ist.

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