Aufnahmen nach Yozgat-Mord

Brisantes Polizei-Video zeigt Andreas T. am Tatort

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Screenshot aus dem Polizeivideo, das den zeitweise tatverdächtigen Ex-Verfassungsschützer Andreas T. bei einer späteren Begehung des Tatorts zeigt. Die Polizei wollte sich damit ein besseres Bild verschaffen. Über Umwege landete das Video im Internet.

Fast unbemerkt steht ein Video auf Youtube. Brisanter Inhalt: Andreas T., Ex-Verfassungsschützer, bei einer Tatortbegehung des Cafés von Halit Yozgat. Aufgenommen von der Polizei.

Ein Youtube-Nutzer unter Pseudonym hat das wackelige Video, knapp anderthalb Minuten lang, am 2. März dieses Jahres hochgeladen. 1287 Menschen haben es sich angeschaut. Zwei haben es positiv bewertet, zwei negativ. Das Video, Beweismaterial aus dem NSU-Prozess, zeigt den Ex-Verfassungsschützer Andreas T. aus Kassel im Internetcafé von Halit Yozgat. Material, das eigentlich nicht den Weg an die Öffentlichkeit finden sollte.

Es handelt sich um Aufnahmen der Polizei, die das Verhalten von Andreas T. am Tag des Mordes an dem 21-jährigen Halit Yozgat rekonstruieren soll. Yozgat war am 6. April 2006 mutmaßlich von den Terroristen des ausländerfeindlichen „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) im Internetcafé seines Vaters erschossen worden.

Hier geht es zum Video

Die Rolle von Ex-Verfassungschützer Andreas T. aus Kassel ist dabei immer noch undurchsichtig. Zwischenzeitlich galt er als tatverdächtig. Schließlich war er zum Tatzeitpunkt des Mordes im Internetcafé an Halit Yozgat mutmaßlich vor Ort. Die Daten des Computer, an dem Andreas T. eingeloggt war, legen das nahe. Er bestreitet allerdings, etwas gehört oder gesehen zu haben.

Ein früherer Ermittler sieht das anders, wie jüngst im NSU-Untersuchungssausschuss in Wiesbaden sagte. Dort wurde das Video auch gezeigt - für alle öffentlich zugänglich sein soll das Video aber eigentlich nicht.

Die Version von Andreas T. lautet, er habe beim Verlassen des Cafés 50 Cent auf den Verkaufstresen gelegt, weil er den ihm bekannten Inhaber nicht gesehen habe - diese Szene ist nachgestellt im Video zu sehen. Beim Verlassen hätte er den toten Yozgat eigentlich tot auf dem Boden liegen sehen müssen - hinter dem Schreibtisch, sagte dagegen ein früherer Ermittler im Wiesbadener Untersuchungssausschuss. Aber: Ein anderer Ermittler war sich dabei nicht so sicher. Die Polizei stellte damals die Polizei die Ermittlungen gegen Andreas T. ein.

Doch wie gelangte das Video an die Öffentlichkeit? Wurde es unerlaubt weitergegeben? Handelt es sich um Geheimnisverrat?

Der Blick auf das Internet-Cafe in Kassel, in dem Halit Yozgat ermordet wurde, aufgenommen vier Tage nach dem Mord 2006. Foto: dpa

Man habe das Video sicherlich nicht selbst dort eingestellt, teilte eine Sprecherin der Bundesanwaltschaft mit. Der Generalbundesanwalt ist Ankläger im NSU-Prozess. Natürlich sehe man es nicht gerne, wenn Beweismaterial an die Öffentlichkeit gelange. Niemand wolle das. Das Video sei einem großen Kreis von Verfahrensbeteiligten zugegangen. Auch Nebenklägern.

Für die Ermittlungen, wer das Video weitergegeben habe, sei man nicht zuständig.

Was deutlich wird: Der Kreis der Personen, die es weitergegeben haben könnten, ist unübersichtlich groß. Der Staatsanwaltschaft Kassel, die in diesem Fall zuständig für die Ermittlungen wäre, war bis dahin das Video auf Youtube nicht bekannt. Es gebe kein Ermittlungsverfahren und es werde auch keines geben, teilt Sprecher Dr. Götz Wied mit.

Die Veröffentlichung des Videos gebiete aus verschiedenen Gründen nicht die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens. (red)

Warum nicht ermittelt wird:

Aus Sicht der Staatsanwaltschaft Kassel erfüllt die Weitergabe des Materials keinen Straftatbestand (Antwort in Auszügen): Der Geheimnisverrat sei durch zwei Strafvorschriften - „Verletzung des Dienstgeheimnisses“, Paragraf 353b StGB und „Verbotene Mitteilung über Gerichtsverhandlungen“, Paragraf 353d StGBd - erfasst.

• Auf das Dienstgeheimnis treffe der Anwendungsbereich nicht mehr zu, da es sich nicht mehr um ein Geheimnis in diesem Sinne handele. Das Video sei bereits, bevor es auf Youtube landete, unter anderem auf der Homepage von „Die Welt“ zu sehen gewesen.

• Im letzteren Fall beschränkt sich der Paragraf ausdrücklich auf Schriftstücke eines Verfahrens. In diesem handelt es sich eben nicht um ein Schriftstück, sondern ein Video.

Hier erfahren Sie mehr zum Kasseler Opfer Halt Yozgatund zur Mordserie.

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