Nachts auf den Straßen unterwegs

Taxen gegen Minicars: Fallensteller im Kasseler Fahrgast-Krieg

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Nach Mitternacht auf der Friedrich-Ebert-Straße: Neben der Taxischlange vor dem Club 22 bilden Minicars eine eigene Reihe auf den Straßenbahnschienen und warten dort auf spontane Einsteiger. Anders als Taxis dürfen Minicars nur auf Vorbestellung fahren.

Kassel. Vor allem nachts tobt auf Kassels Straßen ein erbitterter Streit zwischen Taxen und Minicars um Fahrgäste. In kaum einer anderen Stadt wird diese Konkurrenz so heftig ausgetragen. Wir haben uns am Wochenende ein Bild von der Lage gemacht.

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Nachts um eins wird die Stimmung bedrohlich auf Kassels Kneipenmeile an der Friedrich-Ebert-Straße: Während in und vor Joe’s Garage, dem Bohemia und dem Club 22 Hunderte junge Menschen feiern, wartet ein halbes Dutzend Taxis stadteinwärts am Fahrbahnrand auf Kunden. Die Fahrer sind ausgestiegen, stecken mit ernster Miene die Köpfe zusammen. Es sind kräftige Burschen, die Respekt einflößen.

Taxi fahren will momentan niemand, doch im Minutentakt bringen andere Autos neues Publikum heran – allesamt Minicars, die nach dem Abladen meist nicht weiterfahren, sondern sich ebenfalls in Reihe aufstellen und auf Einsteiger warten. Das dürfen Mietwagen nicht. Nach jeder Tour müssen sie zum Firmensitz zurückkehren – es sei denn, sie erhalten unterwegs per Funk einen Anschlussauftrag. Aber dürfen eigentlich die Taxis dort stehen?

Parallel zur Taxireihe warten mehrere Minicars direkt auf den Straßenbahnschienen neben dem Baustellenzaun, der derzeit die andere Seite der Friedrich-Ebert-Straße abschirmt. Andere stellen sich auch hinter die wartenden Taxen, einer sogar davor: Ein Minicar steuert in die freie Parkbucht direkt vor dem Club 22. Da reißt den Taxifahrern der Geduldsfaden: Um 1.20 Uhr greifen sie zur Selbstjustiz. Sie steigen in ihre Autos und rücken mit ihrer Reihe fünf Meter vor – das Minicar ist in seiner Parklücke gefangen.

Welche Erfahrungen haben Sie gemacht? Schreiben Sie an kassel@hna.de

Gegen dicke, verschränkte Oberarme und konfliktbereite Blicke schimpft der Mietwagenfahrer an: „Ich habe einen Auftrag, das kann ich beweisen!“ Während die Streithähne debattieren, füllt sich ein Minicar nach dem anderen mit jungen Feiernden, die weiterziehen. Auf ein Taxi scheint erst dann zurückgegriffen zu werden, wenn kurz mal kein Minicar bereitsteht. Bei diesem Überangebot auftragshungriger Fahrer muss sich kein Kunde die Mühe machen, ein Auto eigens telefonisch zu bestellen.

Inzwischen kommt die Polizeistreife, die der immer noch festgesetzte Mietwagenfahrer gerufen hat. Nach kurzer Debatte wird einer der Beamten streng: „Sie fahren jetzt auf der Stelle Ihr Auto weg! Punkt, Ende!“ Aufreizend langsam leistet der Taxifahrer Folge.

Gegenüber der HNA äußern die Polizisten Verständnis: „Die müssen ja alle irgendwie ihr Geld verdienen.“ Ob die Zeile vor dem Club 22 ein offizieller Taxihalteplatz sei? Gegenfrage: „Sehen Sie hier irgendwo ein Schild?“ Die Zustände würden aber „von der Stadt geduldet“, sagt ein Beamter. Überhaupt sei es Sache der Stadt, die Fahrgastkonkurrenz auf der Friedrich-Ebert-Straße zu regeln. Die Polizei greife allenfalls ein, wenn eine Eskalation drohe wie gerade eben.

Kaum ist die Streife weg, fahren auf den Schienen wieder Minicars vor. Etwa 50 Meter dahinter steht schon die ganze Zeit ein blau-weißer Transporter mit der Aufschrift „Verkehrsaufsicht“. Der einzige Insasse scheint zu dösen, während die Fahrgast-Autos kommen und gehen. Inzwischen stehen neun Taxis in ihrer Wartereihe. Fahrgäste aus den Kneipen gehen direkt zu den beiden Minicars auf den Schienen.

Aufsicht macht nur Weg frei

Gegen 2 Uhr wird schließlich klar, welche Funktion der blau-weiße Kleinbus hat: Als sich aus Richtung Bebelplatz eine Straßenbahn nähert, rückt der Fahrer der KVG-Verkehrsaufsicht vor und lichthupt das Minicar an, das als einziges noch wartend auf den Schienen steht. Der Mietwagen macht den Weg für die Tram frei, will dann wieder zurücksetzen, aber da hat ihm schon eines der Taxis den Rückweg abgeschnitten.

Jagdszenen, wie sie sich in jeder Wochenendnacht ebenso an der Werner-Hilpert-Straße oder am Musikpark A 7 abspielen. Auf der Friedrich-Ebert-Straße antwortet ein Minicarfahrer: „Klar, ich bin frei“, lässt den Motor an und fährt den Verfasser nach Hause.

Von Axel Schwarz

Ein Interview mit Mathias Hörning, Verbandsgeschäftsführer des Hessischen Taxigewerbes, zur Lage im Kasseler Fahrgastgewerbe lesen Sie in der gedruckten Montagsausgabe.

Ein Interview mit einem Taxifahrer führte Radio HNA

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