Corona-Impfung

Corona-Panne in Kassel: „Hatte Angst, dass ich sterben muss“ - 13-Jähriger erhält falschen Impfstoff

Fühlten sich allein gelassen: Vater Osman und Mutter Sevil Avcioglu machen sich Sorgen, weil Yasin (Mitte) den falschen Impfstoff bekam.
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Fühlten sich allein gelassen: Vater Osman und Mutter Sevil Avcioglu machen sich Sorgen, weil Yasin (Mitte) den falschen Impfstoff bekam.

Impf-Panne im Impfzentrum in Kassel: Ein 13 Jahre alter Jugendlicher aus Vellmar hat einen falschen Impfstoff bekommen - den von Johnson & Johnson statt den von Biontech.

Kassel/Vellmar – Dem Kasseler Impfzentrum ist ein schwerer Fehler passiert. Der 13 Jahre alte Yasin Avcioglu bekam den falschen Corona-Impfstoff verabreicht. Anstelle des Wirkstoffs von Biontech erhielt er den von Johnson & Johnson, der nicht für diese Altersgruppe zugelassen ist. Was Yasins Vater vor allem ärgert: „Mein Sohn bekam die Spritze, während ich mit der Ärztin das Aufklärungsgespräch geführt habe“, sagt Osman Avcioglu, der mit seiner Familie in Vellmar lebt.

Der Vorfall ereignete sich am Montag im City-Point. Das Impfzentrum und die Stadt Kassel haben die Panne offen zugegeben. „Wir bitten die Familie Avcioglu und insbesondere Yasin um Entschuldigung. Das durfte nicht passieren – ist aber leider passiert“, sagt Oberbürgermeister Christian Geselle.

Corona in Kassel: Ärztliche Leiter des Impfzentrums bedauert Impf-Panne

Auch Torsten Müller, der ärztliche Leiter des Impfzentrums, bedauert den Vorfall. Er könne nicht erklären, warum der medizinische Fachangestellte so früh die Dosis gespritzt hat. Normalerweise sei dafür die Freigabe des Arztes nötig. Müller spricht von einem Einzelfall.

Der soll nun sorgsam aufgeklärt werden. Eine Frage lautet: Wie konnte es passieren, dass der Mitarbeiter das falsche Vakzin nahm? Osman Avcioglu berichtet, dass vier oder fünf aufgezogene Spritzen in der Impfkabine gelegen hätten. „Für uns alle ist das Ganze ein riesiger Schock“, sagt Martina Pfeffermann, Leiterin des Impfzentrums. Sie wollten nichts vertuschen, die Fakten zusammentragen und aufarbeiten. Auch juristisch müsse die Angelegenheit geprüft werden. Das ginge allerdings nicht über Nacht. Voreilige Schlüsse seien in dieser „Ausnahmesituation“ nicht angebracht.

Besagter Mitarbeiter wurde erst einmal freigestellt, wie Pfeffermann berichtet – auch zu dessen Schutz. „Er war mit den Nerven am Ende.“ Ihm tue die Panne unendlich leid.

Corona in Kassel: Ärztin bemerkt Impf-Panne

Der Fehler sei der Ärztin aufgefallen, als sie den Johnson-Aufkleber im Impfpass sah, erinnert sich Osman Avcioglu. Hektik sei ausgebrochen. Die Medizinerin sei mit ihrem Handy verschwunden. „Ich glaube, sie wollte im Impfzentrum anrufen. Wir saßen dann eine Viertelstunde allein in der Kabine.“ Diese 15 Minuten seien die Hölle gewesen, sagt Avcioglu rückblickend. Yasin bekam Panik, fing an zu weinen: „Ich hatte Angst, dass ich sterben muss oder gelähmt werde.“ Sein Herz habe gerast, erzählt der 13-Jährige, der beim KSV Baunatal Fußball spielt. Abgesehen von den üblichen Symptomen wie Kopf- und Gliederschmerzen und Fieber habe er die Impfung aber gut überstanden. Ihm gehe es gut.

Über gesundheitliche Folgen wegen des falschen Wirkstoffs müssen sich die Vellmarer allem Anschein nach keine Sorgen machen. Zum einen, weil Johnson & Johnson das Vakzin auch für Jugendliche zulassen möchte, die Prüfung beginne im Herbst, teilt das Paul-Ehrlich-Institut mit. Zum anderen, weil das Vakzin „mit hoher Wahrscheinlichkeit auch gut gegen eine Infektion mit Sars-CoV-2 wirkt“, wie Prof. Dr. Andreas Jenke, Chefarzt der Klinik für Neonatologie und allgemeine Pädiatrie am Klinikum Kassel, erklärt.

Nach Impf-Panne in Kassel: Vater ist enttäuscht

Dieser Vektorimpfstoff basiere auf Adenoviren. Und die seien gut untersucht und Bestandteil vieler Medikamente, die auch für Kinder zugelassen sind, ergänzt Jenke.

Für die Avcioglus ist das eine Beruhigung. Vater Osman ist dennoch enttäuscht, dass sie zunächst allein gelassen wurden. Erst als er im Laufe des Dienstags beim Gesundheitsamt anrief und auch dank der Anfragen der HNA, hätte sich die Behörde gemeldet. „Ich hätte mir gewünscht, dass die von sich aus auf uns zukommen und sich nach Yasin erkundigen.“

Das Problem sei gewesen, sagt Pfeffermann, dass der Vater sämtliche Impfunterlagen mitgenommen habe. Somit hätten Kontaktdaten gefehlt. Die Papiere habe er zur Sicherheit eingesteckt, damit der Fehler dokumentiert ist, erklärt Avcioglu. Der Kontakt ist jetzt jedenfalls hergestellt. An erster Stelle stünde, dass es dem Jungen gut geht, sagt Geselle: „Wir stehen beratend und betreuend über unsere medizinischen Fachleute im engen Kontakt mit der Familie.“ Osman Avcioglu überlegt dennoch, ob er rechtliche Schritte einleiten wird. (Robin Lipke)

Das RKI hat die neuen Corona-Fallzahlen für die Region Kassel vom Freitag (17.09.2021) bekannt gegeben. Die Inzidenzwerte in der Stadt und im Landkreis steigen.

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