Kritik an Prozess in München

Im Schmerz verbunden: Familien der NSU-Opfer trafen sich in Kassel

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Gedenken an Halit Yozgat und die anderen Opfer der Mordserie: Die Angehörigen versammelten sich um den Gedenkstein am Halitplatz. Links im Bild Ali Timtik und Hannes Volz, die beiden Ortsvorsteher der Nordstadt, rechts Stadträtin Anne Janz, eingerahmt von Ayse und Ismail Yozgat.

Kassel. Angehörige der NSU-Opfer aus ganz Deutschland haben sich am Montag in Kassel getroffen. Gemeinsam besuchten sie die Gedenktafel am Halitplatz. 

Seine Stimme zittert, als Ismail Yozgat sich an die Gäste wendet. Sie sind aus Köln, Heilbronn, Nürnberg und den anderen Städten, in denen sich Anschläge des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) ereignet haben, nach Kassel gekommen. Hier wurde am 6. April 2006, Yozgats Sohn Halit getötet. „Danke, dass Sie alle hier sind“, sagt der 61-jährige Vater auf Türkisch. „Es bringt viel, wenn Menschen ihren Schmerz teilen.“ Sein Schmerz sitzt tief, auch nach zehn Jahren noch.

Seit 2014 treffen sich die betroffenen Familien zweimal im Jahr und besuchen gemeinsam eine der Gedenkstätten für die Opfer. Als fünfte Station war gestern Kassel an der Reihe. Die traurigen und zugleich tröstlichen Treffen hat Barbara John initiiert, Ombudsfrau der Bundesregierung für die NSU-Opfer. Vorher habe es kaum Kontakte der Familien untereinander gegeben, sagt John.

Nach einer Stadtrundfahrt versammelte sich die Gruppe an dem Gedenkstein am Halitplatz. Bis auf Köln seien in allen betroffenen Städten inzwischen Gedenkstätten eingerichtet, sagte John: „Aber dass es in Kassel den Halitplatz und die gleichnamige Straßenbahn-Haltestelle gibt, ist schon etwas Besonderes.“

Der Familie des Opfers reicht das nicht aus. Das Ehepaar Yozgat wiederholte seinen Wunsch nach Umbenennung der Holländischen Straße. Zudem forderte der Vater erneut, dass der Vorsitzende Richter Manfred Götzl, der den NSU-Prozess am Oberlandesgericht München leitet, zur Begutachtung des Tatorts nach Kassel komme. Das Internetcafé an der Holländischen Straße, in dem Halit Yozgat erschossen wurde, gibt es allerdings nicht mehr. Das Ladengeschäft wurde umgebaut. Die Familie ist überzeugt, dass der damalige Verfassungsschützer Andreas Temme, der sich an dem Tag in dem Café aufgehalten hatte, in die Tat verwickelt ist. „Entweder er hat es gesehen und deckt die Täter oder er hat selbst an der Ermordung unseres Sohnes mitgewirkt“, sagte Ismail Yozgat.

Der Prozess fokussiere auf einige wenige Angeklagte, kritisierte die Familie. „Es muss aber das Ganze aufgedeckt werden.“ Der Kreis der Mitwisser müsse viel größer gewesen sein. So lange nicht Gerechtigkeit walte, sagte Mutter Ayse Yozgat, könne sie nicht mit der Vergangenheit abschließen. Hoffnung, dass das Gericht die Mordserie restlos aufklärt, hat die Familie nicht mehr. „Aber wir glauben an die Gerechtigkeit Gottes“, sagt Ayse Yozgat. „Irgendwann wird alles ans Licht kommen.“

Zu dem Treffen in Kassel ist auch eine 50-Jährige aus Köln gekommen. Die türkischstämmige Frau erlebte 2004 das Nagelbomben-Attentat in der Keupstraße aus unmittelbarer Nähe. Sie erlitt einen Hörsturz durch den Knall. Schwerer verwundet wurde aber ihre Seele, sagt die Frau. Sie verfolgt den NSU-Prozess nicht so intensiv wie die Yozgats. „Ich halte das nicht aus.“ Sie könne nicht verstehen, warum sich der Prozess so lange hinziehe. Ihre größte Sorge ist, dass Beate Zschäpe am Ende gar nicht verurteilt werden könnte. 

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