Familiendrama: Entsetzen und viele Fragen

Kassel. Trauer, Bestürzung und Fassungslosigkeit herrschten gestern am Glöcknerpfad in Niederzwehren. Man kann nicht verstehen, was in dem gepflegten weißen Einfamilienhaus mit dem großen Baum in Garten geschehen ist.

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Die am häufigsten gestellte Frage umfasst dabei nur ein Wort. Warum? Warum tötet ein 85-jähriger Mann fast seine ganze Familie und bringt sich dann selbst um?

Rational erklären kann das niemand der Nachbarn im Glöcknerpfad. Also machen Vermutungen die Runde.

„Er war ein netter Mann“

Der 85-Jährige war Baggerführer von Beruf. Er ist seit Langem in Rente. Er war ein äußerst netter Mann, sagen die Nachbarn. Als zwei Häuser weiter gebaut wurde, nahm er regen Anteil: „Er war ja selbst vom Bau“, sagt Nachbar Peter Wende. „Und hat sich auch darum regelmäßig erkundigt, wie es mit dem Bau bei uns weiterging.“

Nachbar Peter Wende

Eine Nachbarin erzählt, dass ihr Mann und der 85-Jährige in der Vergangenheit zuweilen gemeinsam am Computer saßen. Ein Hobby, das Rentner geistig frisch halten kann und die Zeit vertreibt. Es gab Zeiten im Glöcknerpfad, da redete man auch viel miteinander, über den Gartenzaun hinweg. „Da gab es manchmal regelrechte politische Diskussionen“, sagt eine Nachbarin.

Doch man wurde älter. Die Frau des 85-Jährigen, selbst nur ein Jahr jünger als ihr Mann, war körperlich krank. Der Rücken, die Beine wollten wohl nicht mehr richtig. Die Nachbarin empfahl Besuche beim Orthopäden. Doch die halfen offensichtlich nicht.

Das Leben war für die Familie im hohen Alter wohl nicht mehr so lebenswert wie einst. Man zog sich zurück. Viel mehr als ein „Guten Tag“ und „Guten Weg“ gab es nicht mehr für die Nachbarn. Hinzu kam, dass man sich seit Jahrzehnten um die leicht behinderte Tochter, die mit im Haus wohnte, kümmerte. „Wissen Sie, so war das nun mal“, sagt eine Nachbarin. „Die Tochter in ein Heim zu geben, das kam nicht infrage.“

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So könne es sein, dass die Familie im Glöcknerpfad gemeinsam den Weg aus dem Leben wählte. Die Nachbarn merkten von einem möglichen Entschluss nichts. „Ich hätte es für völlig ausgeschlossen gehalten, dass es so weit kommen konnte“, sagt eine Frau am Gartenzaun.

Für die hochbetagten Eltern mag das vielleicht keine so schwere Entscheidung gewesen sein. Möglicherweise machten sie sich mehr Sorgen darum, was nach ihrem Tod aus der geistig leicht behinderten Tochter werden würde. Vielleicht auch darum nahmen sie sie mit in den Tod, so lautet eine Vermutung.

Woher stammt die Waffe?

Was am Glöcknerpfad gestern geschah, ist ein Familiendrama, daran hat die Polizei keine Zweifel. Im Polizeideutsch heißt das „erweiterter Suizid“. Jemand scheidet freiwillig aus dem Leben und nimmt andere mit. Möglicherweise war es eine selbstbestimmte Handlung, in die sich die Familie von niemandem hereinreden lassen wollte.

Es war fast ein friedliches Bild, das sich der Polizei nach der Tat bot: Der Mann, seine Frau und die Tochter saßen tot im Wohnzimmer, im Sessel und auf der Couch. Er hatte noch den Revolver in der Hand. Auf dem Tisch lag Munition.

Die Spekulationen am Glöcknerpfad sind noch nicht zu Ende. Man muss über die unfassbare Tat reden, um sie vielleicht verstehen zu können. Und in dem Zusammenhang fragen viele: Woher hatte der 85-Jährige überhaupt eine Waffe?

Hintergrund: Erweiterter Suizid

Bei einem erweiterten Suizid geht der Selbsttötung die Tötung Dritter (etwa Partner, Kinder) voraus. Auch der Amoklauf zählt zu dem erweiterten Suizid, bei dem nicht bekannte Menschen zu Opfern werden. Die Bezeichnung Selbstmord ist aus juristischer Sicht nicht korrekt, weil eine Selbsttötung nicht die Kriterien eines Mordes erfüllt. Der Suizidversuch ist in Deutschland als Ausdruck des Selbstbestimmungsrechts straffrei. (tho)

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