Psychologen untersuchen, wie es im Fußballstadion friedlich bleibt

Damit die Fans nicht über die Stränge schlagen: Psychologen der Uni Kassel untersuchen, wie Anhänger von Fußballclubs Streitigkeiten selbst lösen können. Unser Bild entstand bei einem Spiel des 1. FC Köln gegen VfL Bochum im April. Foto: dpa

Kassel. Fußballfans haben in der Öffentlichkeit nicht den besten Ruf. Sie geraten meist dann in die Schlagzeilen, wenn sie Pyrotechnik zünden oder sich Schlägereien mit der Polizei liefern.

Von drohenden Konflikten auf der Tribüne, die Fangruppen selbst untereinander verhindern, bekommt hingegen kaum jemand etwas mit. DFB und Ligaverband (DFL) finanzieren jetzt ein Forschungsprojekt der Uni Kassel, das diese Form der Selbstregulierung unter Fans wissenschaftlich untersucht.

„Wir gehen davon aus, dass Fußballfans ein sehr hohes Selbstregulierungspotenzial haben“, sagt Projektleiterin Prof. Heidi Möller vom Institut für Psychologie. Ziel der Fanstudie sei es, die friedliche Konfliktlösung untereinander zu analysieren und „das, was Fußballfans im Sinne der Selbstregulierung leisten, sichtbar zu machen“, sagt sie.

Dafür hat die Professorin mit drei wissenschaftlichen Mitarbeitern von ihrem Institut Fans verschiedener Vereine aus der ersten und zweiten Bundesliga sowie der dritten Liga zu Diskussionsrunden eingeladen. „Wir möchten Erfahrungen und Erlebnisse sammeln, die Fans im Zusammenhang mit Konflikten gemacht haben“, sagt Projektmitarbeiterin Denise Schubert. Am Ende werden die Kasseler Psychologen bundesweit 30 Gruppengespräche mit 200 Fans geführt haben.

„Natürlich hätten wir uns auch nur mit Ultragruppierungen beschäftigen können“, sagt Schubert, „wir möchten jedoch mit allen Fans sprechen.“ Deshalb befragen die Forscher sowohl Anhänger von Ultrabewegungen als auch gemäßigtere Mitglieder von Fanclubs und Menschen, die bei Heimspielen im Familienblock sitzen. Der wissenschaftliche Mitarbeiter Vinzenz Thalheim (28) sagt: „Unser Anspruch ist es, einen aktuellen Querschnitt durch die Stadionbesucher zu ermitteln.“ Bisherige Fanstudien stammten aus den 1980er-Jahren und könnten die heutige Realität auf den Tribünen nicht mehr widerspiegeln.

Ihre Ergebnisse werten die Wissenschaftler bis September 2015 aus. „Denkbar ist, dass DFB und DFL sie in einem Handbuch veröffentlichen“, sagt Projektmitarbeiter Dr. Martin Seip. Möglich sei auch, dass die Forschungsergebnisse in präventive Beratungsangebote für Fanprojekte und Fanclubs einfließen, die dann wiederum ihre Anhänger näher mit gegenseitiger Deeskalation im Stadion vertraut machen können. „Je mehr Fans über die Möglichkeiten der Selbstregulation informiert werden, desto weniger Negativschlagzeilen wird es auch über sie geben“, sagt Seip. Denn wenn Selbstregulation funktioniere, sei sie unsichtbar. Fotos: Schaffner

Von Sebastian Schaffner

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.