Nicht aus der Ruhe zu bringen

Er hat schon alles eingegipst: Bekannter Krankenpfleger am Kasseler Klinikum geht in Rente

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Tausende Gipsverbände angelegt: Nach 46 Jahren am Kasseler Klinikum geht Krankenpfleger Jürgen Hupfeld jetzt in den Ruhestand.

Kassel. Hände, Füße, Arme, Beine: Es gibt nichts, was Jürgen Hupfeld nicht schon gegipst hat. 46 Jahre hat er am Kasseler Klinikum gearbeitet - jetzt geht der bekannte Krankenpfleger in den Ruhestand.

Er ist nicht aus der Ruhe zu bringen: Nicht, wenn er mit seiner Triumph durch Nordhessen fährt. Nicht, wenn er Patienten in den Schockraum schiebt. Und nicht, wenn er Anekdoten aus seinem Berufsleben erzählt. „Hupfi“ ist einfach die Ruhe selbst. Dazu trägt auch sein „hohes Alter“ bei, wie Jürgen Hupfeld oft ironisch betont. Treppen steigen? Mit 63 nimmt man den Aufzug. Nach 46 Jahren geht der Krankenpfleger, einer der ältesten Mitarbeiter am Klinikum, zum Monatsende in den Ruhestand.

Hektik ja, Stress nein, das ist Jürgen Hupfeld ganz wichtig. Aber einige hektische Situationen hat es dann doch gegeben – kein Wunder eigentlich, denn fast ein halbes Jahrhundert hat der gebürtige Spangenberger in der Unfallchirurgie gearbeitet. Was bei vielen Besorgnis auslöst, ist für Hupfeld Alltag – die Notaufnahme und der Gipsraum sein Wohnzimmer, aus dem er kaum wegzudenken ist.

Tausende Gipsverbände hat er angelegt – eigentlich gibt es nichts, was „Hupfi“, wie er sich auch selbst nennt, nicht gegipst hat: Hände, Füße, Arme, Beine. Aber etwas hat sich doch verändert, in der Zeit. Es werde öfter operiert, die Medizin sei weiter. Dass jemand, wie man es aus Filmen kennt, fast den ganzen Körper eingegipst bekomme, das gäbe es nicht mehr.

Für seine ironische Art ist er auch bei Patienten bekannt und bei Kollegen beliebt. Auf den Fluren des Klinikums kennt ihn jeder. „Na, Hupfi ist es soweit? Jetzt kommst du in die Zeitung?“, scherzen die Kollegen. Ob er bekannt ist wie ein bunter Hund? „Nein, bekannter“, sagt Hupfeld und lächelt verschmitzt.

Jürgen Hupfeld. 

Aber auch um Ratschläge für verstauchte Knöchel oder schmerzende Knie wird er gefragt – nach so langer Zeit weiß er, was los ist und was hilft. Spätestens wenn sein Motorrad zu hören ist, dann wissen die Kollegen, dass der „Hupfi“ da ist. Denn damit fährt er seit Jahrzehnten zur Arbeit – und nur damit. Autofahren, das ist nicht meins“, sagt er. Auf vier Rädern fühle er sich nicht wohl.

Pläne hat er noch keine für den Ruhestand. „Dat wird sich uswiesen.“ Ein bisschen komisch sei es schon, dass man in dem Lebensabschnitt sei, aus dem man auf jeden Fall nicht mehr lebend rauskomme. Der eine oder andere Witz gehört zu seinem Beruf dazu – „ohne geht es nicht“. Wenn es sein müsse, mache er eben auch den Hampelmann oder setze sich eine rote Nase auf.

Seine älteren Patienten spricht er oft auf Plattdeutsch an. „Dann hab ich sie gleich auf meiner Seite.“ Wenn er über die Flure läuft, hört man ein leises Glöckchen in seiner Kitteltasche erklingen. Auch für die Patienten: „Damit sie wissen, dass ich in der Nähe bin.“

Dass Krankenpfleger für ihn der richtige Beruf ist, wusste Hupfeld früh. In der Schule sei er der Ansprechpartner gewesen, wenn ein Pflaster gebraucht wurde, erzählt er. Der Klassensanitäter eben. Im April 1972 war dann sein erster Tag als Pflegeschüler am Klinikum. In seiner Ausbildung musste er alle Abteilungen durchlaufen.

Schnell war klar: Unfallchirurgie, das ist der Bereich, in dem Hupfeld arbeiten wollte. Bei vielen Bereichen der Inneren Medizin sehe man auf den ersten Blick nicht, was den Menschen fehle, sagt er. „Bei kaputten Knochen, stellt sich die Frage nicht.“

Ein paar Stunden in der Woche will Hupfeld trotz Rente noch aushelfen, das hat er versprochen. Auch wird er vorbeikommen, um immer mal Kaffee zu trinken. „Wenn man 46 Jahre hier her gekommen ist, dann kann man das nicht von heute auf morgen nicht mehr machen“, sagt Hupfeld.

Ob er jemals mit seinem Beruf gehadert hat? „Keinen einzigen Tag: Im nächsten Leben würde ich es wieder so machen.“

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