Geblitzt im Stadtteil Fasanenhof

Fahrer aus Kassel sorgt für Rekord in Hessen: So lief der Blitzermarathon in der Stadt

Kassel. Kassel hat beim Blitzermarathon am Mittwoch einen unrühmlichen Spitzenreiter hervorgebracht. Keiner überschritt landesweit die vorgeschriebene Geschwindigkeit innerorts so sehr wie ein Kasseler.

Im Stadtteil Fasanenhof war er in einer Tempo-30-Zone mit 60 Stundenkilometern unterwegs. 100 Euro musste er zahlen, nur knapp entging er einem einmonatigen Fahrverbot.

Ansonsten fällt die vorläufige Bilanz der Kasseler Polizei gemischt aus. Der gute Eindruck vom Vormittag verfestigte sich nämlich im weiteren Verlauf des Tages nicht: Vor allem bei den Kontrollen im Stadtgebiet gab es mehr Temposünder als noch am Morgen. Die genauen Zahlen soll es aber erst heute geben. Beim Blitzermarathon im vergangenen Jahr waren 2,5 Prozent der gemessenen Fahrzeuge zu schnell. Zumindest hessenweit deutete sich gestern eine Besserung der Quote aus dem Vorjahr an.

Eins lässt sich schon zudem sagen: Es gab kaum Ausreißer nach oben. Der Temposünder aus Kassel, der mit 60 in der Tempo-30-Zone unterwegs war, war daher die absolute Ausnahme. Im Schnitt überschritten die Temposünder die erlaubte Höchstgeschwindigkeit nicht erheblich.

Polizei Melsungen ertappt bei Blitzermarathon Frau mit 56 km/h zu viel

Insgesamt waren gestern den ganzen Tag über 110 Beamte und Angestellte in Nordhessen im Einsatz, um an 53 Orten das Tempo der Fahrzeuge zu ermitteln, hessenweit waren 324 Messstellen eingerichtet. Einen besonderen Fall hatte es dabei in Hofgeismar gegeben. Dort wurde eine 24-Jährige aus dem Verkehr gezogen, die mit ihrem Roller zu schnell war, zudem keinen Führerschein hatte und mit einem falschen Versicherungskennzeichen unterwegs war.

Kritik am Blitzermarathon hatte es von der Gewerkschaft der Polizei Hessen gegeben. Sie bezeichnete die Aktion als Schaufensterveranstaltung der Landesregierung.

Plötzlich wird es peinlich: So lief der Blitzermarathon in der Stadt

Allein der landläufige Name ist ja schon ein bisschen irreführend: Speedmarathon. Das klingt nicht unbedingt nach Entschleunigung, sondern irgendwie nach einem Tempowettbewerb. Dabei ging es gestern darum, die Raser zu erwischen. Die Polizei blitzte vermehrt in ganz Hessen – und damit auch in Kassel und Umgebung. Eindrücke des Tages: 

IN DER FRÜH -  Druseltalstraße: Hier also soll geblitzt werden. Steht zumindest auf der Liste, die von der Polizei herausgegeben wurde. Deshalb: Lieber mal 48 fahren als 50 – ein bisschen Puffer muss sein. Das ist zumindest an diesem Morgen keine Geschwindigkeit für Außenseiter. Der Berufsverkehr verwandelt sich auf der Straße, die ansonsten zur Tempoüberschreitung einlädt, in eine disziplinierte Angelegenheit. Keiner fährt zu schnell, keiner fällt aus der Reihe. Im Radio ist zum x-ten Mal vom Blitzer- oder eben auch vom Speedmarathon die Rede. Die Aktion scheint zu wirken – zumal: Blitzer sind weit und breit nicht zu sehen. 

VORMITTAGS - Grenzweg: Hier, im Stadtteil Wolfsanger, sind Hauptkommissar Holger Augustin vom Revier Nord und seine Kollegen, sie kontrollieren. 50 Minuten stehen sie schon in unmittelbarer Nähe der Grundschule, Tempo-30-Zone. Von 22 Autos waren bisher vier zu schnell. „Die Fahrer haben nicht die HNA gelesen“, sagt Augustin. Der Schnellste fuhr 50, macht 35 Euro.

Die Beamten messen die Geschwindigkeit mit Hilfe einer Laserpistole – aus einem zivilen Fahrzeug heraus. So werden sie nicht erkannt. Augustin erscheinen diese Kontrollen effektiver als die von der Stadt. Deren Autos seien schon bekannt, wenn sie im Einsatz sind. „Das spricht sich dann auch schnell rum.“ Auch deshalb, weil viele Autofahrer solidarisch sind: Sie informieren die Kollegen per Lichthupe.

Womöglich sind am Grenzweg auch schon alle alarmiert. Keiner mehr, der zu schnell fährt. Ein Mann aus dem Wohnhaus kommt zu den Beamten und fragt sie: „Stehen Sie öfter hier?“ Er wartet die Antwort nicht ab und rät: „Sie müssen nach 17 Uhr hier blitzen. Das würde sich lohnen.“ 

NACHMITTAGS - Fiedlerstraße: Es ist noch weit vor 17 Uhr, aber am Schlachthof in der Nordstadt herrscht vergleichsweise Hochbetrieb beim Blitzermarathon. Hier werden mehrere Temposünder gleichzeitig kontrolliert. Auf große Gegenwehr stoßen die Beamten nicht. Im Gegenteil.

Ein Mann sitzt in seinem Geländewagen und greift sich an die Stirn, als er erfährt, warum er kontrolliert wird. „Ich hab’ es heute Morgen doch noch gelesen und meine Frau darauf hingewiesen. Wie blind kann man sein?“ Die 25 Euro Strafe zahlt er prompt in bar – aus einem guten Grund: „Meine Frau darf das nicht mitbekommen, sonst wird es peinlich.“

Auch der 21 Jahre alte Dennis K. hat Verständnis für den Blitzermarathon – obwohl er alles andere als profitiert von ihm: Tempo 48 – auch er muss 35 Euro zahlen. Er liefert den klassischen Fall: Feierabend, das Essen zu Hause lockt – und dann kommen einem 30 Stundenkilometer einfach ein bisschen wenig vor. Dennis K. findet es gut, dass geblitzt wird. Er verweist auf die Raser, die nachts ganz gern mal in Kassel unterwegs seien. Dann hält er inne und sagt: „Naja, heute war ich ja auch nicht viel besser.“

Und so geht das dann weiter – bis 22 Uhr. In Kassel, in Baunatal, in Vellmar und überall. Dann endet der Blitzermarathon, der auch die eine oder andere Anekdote brachte. Die Polizistin berichtet von einem Mann, der mit 25 Euro dabei war und schimpfte: Gerade habe er für 120 Euro getankt, jetzt das. Seine Erkenntnis: „Autofahren macht keinen Spaß mehr.“ Er überlegt jetzt, seinen Wagen zu verkaufen.

Rubriklistenbild: © Schachtschneider

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