Tonaufnahme vom Schuss

Mordprozess am Landgericht Kassel: Nachbar erschossen

Kassel. Ein 69-jähriger Mann aus Kassel muss sich vor dem Landgericht wegen Mordverdachts verantworten. Er soll  seinen Nachbarn nach einem Streit in einem Mehrfamilienhaus an der Ihringshäuser Straße erschossen haben.

Dass in einem Mordverfahren eine Aufzeichnung von der Tat abgespielt werden kann, passiert nicht alle Tage. In den meisten Fällen haben die Opfer keine Möglichkeit mehr, den Notruf zu wählen. Der 47-jährige Thomas F. war am 1.  März 2017 auch nicht mehr in der Lage, die 112 zu wählen. Er lag mit einem Bauchschuss in seinem Wohnzimmer in der Wohnung an der Ihringshäuser Straße 109. Allerdings konnte seine Frau Johanna noch telefonieren.

„Unser Nachbar hat gerade auf uns geschossen.“ Das sagte Johanna F., nachdem sie um 16.53 Uhr den Notruf gewählt hatte. Die Verzweiflung und die Angst der Frau waren auch noch am Dienstagnachmittag zu spüren, als die Aufnahme vor der sechsten Strafkammer des Kasseler Landgerichts abgespielt wurde. Der Mann am anderen Ende der Leitung versuchte noch, Johanna F. zu beruhigen. „Legen Sie ihn hin, bleiben Sie ruhig“, wirkte er auf die Frau ein. Plötzlich ist ein dumpfer Knall zu hören, dann wird das Telefonat beendet. Das ist wohl der Augenblick gewesen, als der 69-jährige Nachbar auch noch mit einer Schrotflinte auf das Paar geschossen hat. Wegen des Verdachts des Mordes, des versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung muss sich der Rentner vor Gericht verantworten.

Ohne eine Miene zu verziehen, hörte sich der Mann, der die rote Gefängniskleidung im Gerichtssaal trägt, am Dienstag die Aufnahme an. Ebenso zwei weitere Telefonate zwischen Feuerwehr und Polizei und Johanna F. und Polizei.

Nachdem auch noch mit einer Schrotflinte auf das Paar gefeuert worden war, rief Johanna F. bei der Polizei an. „Mein Mann ist nicht mehr ansprechbar, mein Mann kollabiert gleich“, teilte die aufgewühlte Frau dem Polizisten mit. Sie weinte und bat immer wieder um Hilfe. Aufnahmen, die am Dienstag wohl niemandem im Gerichtssaal kalt ließen.

Allerdings verfolgen nur wenige Zuschauer dieses Verfahren. Am Dienstag waren gerade mal zwei Personen im Zuschauerbereich, was für einen Mordprozess außerordentlich gering ist. Das könnte ein Indiz dafür sein, dass sowohl der Angeklagte als auch die beiden Opfer, der tote Thomas F. und seine Frau Johanna, nur wenige soziale Kontakte hatten beziehungsweise noch haben.

Der Angeklagte, der sich nach eigenen Angaben nicht mehr an die Schüsse erinnern kann, war zur Tatzeit alkoholisiert. Nach Angaben von Professor Reinhard Dettmeyer, dem Chef des Instituts für Rechtsmedizin Gießen, hatte der 69-Jährige zur Tatzeit zwischen 0,65 und 1,05 Promille Alkohol im Blut.

Bei dem Opfer Thomas F. wurden Cannabis, Methadon und Antidepressiva nachgewiesen.

Rubriklistenbild: © Reinckens

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