Fassade der Grimmwelt ist 65 Millionen Jahre alt

Anschauungsmaterial in der Hand und an der Wand: Der Biologe und Pädagoge Peter-Joachim Focke mit den Seminarteilnehmern auf der Außentreppe der Grimmwelt. Fotos: Schachtschneider

Kassel. Im Märchen würden die uralten Tier- und Pflanzenreste vielleicht wieder zum Leben erweckt. In der Realität erzählen die Mauern der neuen Grimmwelt jede Menge Geschichten aus grauer Vorzeit.

Etwa 65 Millionen Jahre sind die Ablagerungen alt, die man im Kalkstein der Fassade erkennen kann. Jetzt gab es erstmals ein Tagesseminar an der Volkshochschule zu diesem Thema. Der Kasseler Pädagoge und Biologe Peter-Joachim Focke (61) hat es geleitet.

Was kann man innerhalb weniger Stunden über den Gauinger Travertin, den Süßwasserkalkstein vom Rand der Schwäbischen Alb, lernen? „Eine ganze Menge“, sagt Ineke de Jongh, Kasselerin mit holländischen Wurzeln. Sie gehört zu den 20 Teilnehmern des Seminars. Stängel von Pflanzen kann sie jetzt im Kalkstein erkennen, Fossilien und versteinerte Algen. Die gelbliche Farbe an manchen Stellen deute auf den Eisengehalt hin.

370 Kubikmeter Gauinger Travertin wurden für die Fassade der Grimmwelt verbaut. „Ein sehr harter Stein, der lange halten wird“, sagt Seminarleiter Focke. Im Gegensatz zum Tuffstein, der am Herkules vor 300 Jahren verbaut wurde, könnten Feuchtigkeit und Frost dem Kalkstein wenig anhaben. Unter anderem wurde das Material für das Jüdische Museum in München und die Galeria Kaufhof am Berliner Alexanderplatz verwendet.

Am Weinberg trifft der Süßwasserkalkstein, der vor Millionen von Jahren durch Ablagerungen in einem großen See entstanden ist, auf Muschelkalk. „Wo wir jetzt stehen, war früher ein Meer“, sagt Peter-Joachim Focke beim Ortstermin an der Grimmwelt. Der Muschelkalk des Weinbergs entstand durch Ablagerungen in einem Meeresgraben. Im Laufe der Jahrmillionen hat die Erosion das weichere Material rund um den Weinberg abgetragen. Die Ablagerung blieb übrig und ist heute ein Berg.

Im Frühjahr hat Focke erstmals in der HNA etwas über den Gauinger Travertin gelesen. „Danach war ich oft auf der Baustelle und durfte mir vieles genauer ansehen“, sagt er. Daraus ist die Idee entstanden, das Baumaterial der Grimmwelt zum Seminarthema zu machen. Interessante Beobachtungen könne man übrigens auch am Königsplatz an der Fassade des neuen Sport-Scheck-Gebäudes sowie an den Säulen von P&C auf der anderen Seite machen.

Im kommenden Jahr soll es ein weiteres Seminar geben, möglicherweise auch Führungen. Gelohnt habe es sich auf alle Fälle, sagt Ineke de Jongh. Von innen hat sie die Grimmwelt übrigens noch nicht gesehen. Das will sie jetzt schleunigst nachholen, denn da gibt es ja auch einiges zu entdecken.

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