Al-Qaida

Terroranschlag 9/11: Kasslerin war am 11. September 2001 in New York

Die Musikerin Ursel Schlicht am 11. September 2001 auf der Williamsburg Bridge auf dem Weg nach Brooklyn.
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Die Musikerin Ursel Schlicht am 11. September 2001 auf der Williamsburg Bridge auf dem Weg nach Brooklyn.

Vor 20 Jahren entführten Mitglieder des Terrornetzwerks Al-Qaida Flugzeuge, die sie in Gebäude der USA lenkten. Die Kasselerin Ursel Schlicht war damals in New York.

Kassel/New York – Als am 11. September 2001 um 8.46 Uhr der American-Airlines-Flug 11 in den Nordturm der Zwillingstürme des World Trade Centers in New York einschlug, da befand sich die Musikerin Ursel Schlicht aus Kassel nur etwa vier Kilometer Luftlinie entfernt. Sie lebte damals zur Untermiete in einer Wohnung in der Lower East Side.

Von den Terroranschlägen erfuhr die damals 38-Jährige erst um kurz nach 9 Uhr. „Ich bekam eine Mail aus Deutschland mit der Frage, ob es uns gut geht.“ Damals war ihre Freundin Natalie Kreisz aus Berlin für Filmrecherchen zu Besuch in New York. Die Frauen schalteten das Radio ein, weil Schlicht kein Kabelfernsehen hatte.

„Es war ganz seltsam“ - Frau aus Kassel erinnert sich an den 11. September in New York

Zunächst informierten sie ihre Freunde in Deutschland, dass mit ihnen alles in Ordnung ist. Anschließend stiegen die beiden Frauen auf das Flachdach des Wohnhauses. „Ich habe etwas fassungslos auf die Rauchwolke geguckt. Ich konnte nicht erkennen, ob ein Turm noch steht. Ich konnte mir aber auch nicht vorstellen, dass die beiden Türme weg sind“, sagt die Musikerin. Ihre Freundin habe damals intuitiv ihre Eindrücke mit der Kamera festgehalten.

„Es war ganz seltsam“, erinnert sich Schlicht. „Auf der einen Seite konnte man nichts tun, auf der anderen Seite fühlte es sich nicht richtig an, zu Hause zu bleiben.“ Zunächst seien sie zu einem Krankenhaus in der Nähe gelaufen und fragten, ob sie Blut spenden könnten. Dort seien sie aber abgewiesen worden.

Frau aus Kassel sieht Fernsehbilder vom Einsturz in einem Café in Brooklyn

Anschließend machten sich die beiden Frauen bei „wunderschönem Septemberwetter“ zu Fuß auf den Weg nach Brooklyn. Ursel Schlicht erinnert sich, wie sie über die Williamsburg Bridge den East River überquerte. In Brooklyn gingen sie in ein Café. Dort sah Schlicht dann auch die ersten Fernsehbilder. „Es war die Rede von Feinden aus Afghanistan. Ich war schockiert, dass es nicht um die Opfer ging, sondern sofort um die Feinde.“

Angst habe sie an dem Tag nicht verspürt: „Wir waren ja weit genug weg vom Geschehen.“ Viel wichtiger sei für sie gewesen, zu erfahren, ob alle Bekannten und Freunde den Anschlag unbeschadet überstanden haben. Hatten sie. Beim deutschen Konsulat erkundigte sie sich später, ob einer deutschen Anwältin, die sie kennengelernt und die im World Trade Center gearbeitet hatte, etwas passiert war. Schlicht erfuhr, dass die Anwältin nicht zu den Opfern gehörte.

Verhalten der USA zum Rest der Welt hinterfragt

Eigentlich wollte Ursel Schlicht, die seit 1995 mit Unterbrechungen in New York lebte, am 11. September 2001 in ein Anwaltsbüro nach Midtown Manhattan fahren. Dort hatte sie einen Termin wegen ihres Aufenthalts. „Ich hatte keine richtige Arbeitserlaubnis.“ Nachdem sie ihre Promotion abgeschlossen hatte, hatte sich Schlicht als freie Musikerin und Musikwissenschaftlerin auf eine Greencard als „Alien of Extraordinary Abilities”, eine spezielle Kategorie für freischaffende Künstler, beworben. Aber das Anwaltsbüro blieb am 11. September 2001 geschlossen. Ebenso wie sehr viele andere Büros in New York an diesem Tag.

Der 11. September habe sie und ihren Freundes- und Kollegenkreis monatelang intensiv beschäftigt, sagt Schlicht. In persönlicher, politischer und künstlerischer Hinsicht. Sie habe sich mit der Frage beschäftigt, wie so etwas passieren konnte – das Verhalten der USA zum Rest der Welt hinterfragt.

Stimmung in multikultureller Stadt New York hat sich geändert

Die Stimmung habe sich in der multikulturellen Stadt New York gewandelt. „Menschen, die nur annähernd so aussahen, als könnten sie aus dem Nahen Osten kommen, waren plötzlich suspekt.“

Dieser Stimmungswandel führte auch dazu, dass sich die Musikerin dafür entschied, nach Kassel, wo sie studiert hatte, zurückzukehren. Der Angriff der Bush-Administration auf Afghanistan als Folge des Anschlags ist auch in den Augen von Ursula Schlicht „eine schreckliche und falsche Reaktion“ gewesen.

Als Musikerin ein Zeichen gegen Terror setzen

„Ich wollte als Musikerin ein Zeichen setzen, dass man sich auch anders mit den Terroranschlägen auseinandersetzen kann“, sagt Schlicht. Deshalb startete sie im Herbst 2001 ein Projekt für das Begleitprogramm zum documenta-Sommer 2002, das mit Musikern aus Deutschland, den USA und Afghanistan umgesetzt im Dock 4 werden sollte. Eine Woche lang. Inspiriert habe sie dafür der damalige documenta-Leiter Okwui Enwezor. Es sei allerdings gar nicht so einfach gewesen, Musiker aus Afghanistan zu finden, weil unter der Taliban-Herrschaft in den 1990er-Jahren Musik in Afghanistan verboten worden war. Sie hat es dennoch geschafft.

Seitdem veranstaltet sie zu jedem Jahrestag der Terroranschläge ein Konzert, so wie gestern Abend auch. Dort wurde auch das Video gezeigt, das sie zusammen mit Natalie Kreisz über den 11. September 2001 gemacht hat.

Die Kasselerin Ursel Schlicht war damals in New York.

New York besucht die Musikerin regelmäßig. „Mindestens einmal im Jahr. Es ist nach wie vor mein zweites Zuhause.“ Mit dem Übergang von der Bush- auf die Obama-Regierung im Jahr 2009 habe sich auch die gesellschaftliche Stimmung wieder verändert. „Nine Eleven war eine Phase“, so die 58-Jährige. (Ulrike Pflüger-Scherb)

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