Geburt vor 100 Jahren: Fast jeder kannte Kassels Oberbürgermeister Branner

Kassel. „Mein Platz ist und bleibt in Kassel“, sagte Karl Branner 1969, nachdem er sich entschieden hatte, dem Ruf nach Wiesbaden nicht zu folgen. Branner hatte das Angebot, im Kabinett von Ministerpräsident Albert Osswald (SPD) Finanzminister zu werden, abgelehnt.

Er zog es vor, Oberbürgermeister in seiner Heimatstadt zu bleiben. Branner war ein Kind der Unterneustadt. In der Leipziger Straße 2 wurde er heute vor 100 Jahren als Sohn eines Bäckermeisters geboren. Er besuchte das heutige Goethe-Gymnasium und studierte Wirtschaftswissenschaften und Soziologie in Göttingen. Das Geld für sein Studium verdiente sich Branner, indem er die erste Geige in einer Tanzkapelle spielte.

Nach der Promotion im Jahr 1937 wollte er Hochschullehrer werden. Doch der Zweite Weltkrieg zerstörte diese Pläne. Branner wurde 1939 Soldat und kehrte erst zehn Jahre später aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Zunächst fand er eine neue Aufgabe in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit. Anfang der 50er-Jahre wurde er kommunalpolitisch aktiv: Zuerst als SPD-Stadtverordneter, 1954 wurde er Dezernent für Wirtschaft und Verkehr, 1957 wurde er Bürgermeister und 1963 zum Oberbürgermeister gewählt.

Er war überaus volksnah: 1972 hatte „Karle“ Branner einen Bekanntheitsgrad von über 90 Prozent. Ein Wert, von dem viele Kommunalpolitiker heute nur noch träumen können. Populär war der Kasseläner auch, weil er mit Mundartgeschichten aus seiner Stadt unterhielt. Ihm lag daran, den Menschen die „Fullebrickensproche“ näher zu bringen.

In die Ära Branner fielen unter anderem die missglückte Gebietsreform, der Bau des Kasseler VW-Werks in Baunatal, der Wiederaufbau des Schlosses Wilhelmshöhe, der Ausbau des Stadtkrankenhauses (heute Klinikum Kassel) und der Infrastruktur sowie die Gründung der Gesamthochschule (heute Universität Kassel). Den Aufbau der Hochschule hat Branner als sein wichtigstes Werk angesehen. Er, dem der Traum, Hochschullehrer zu werden, verwehrt geblieben war, konnte dazu beitragen, dass sein Kassel Hochschulstadt wurde.

Branner, der zweimal verheiratet war und aus erster Ehe eine Tochter hatte, erhielt zahlreiche Auszeichnungen für seinen Einsatz, unter anderem wurde ihm das Bundesverdienstkreuz verliehen, 1984 wurde er erster Ehrensenator der Gesamthochschule und schließlich auch zum Ehrenbürger Kassels ernannt.

Den vollendeten Wiederaufbau der im Krieg völlig zerstörten Unterneustadt hat Branner, der im Oktober 1997 im Alter von 87 Jahren starb, nicht mehr miterlebt. Doch die Unterneustadt ist im wahrsten Sinne des Wortes bis heute mit ihm verbunden. Die Fußgängerbrücke, die seit dem Jahr 2000 die Innenstadt mit der Unterneustadt verbindet, trägt den Namen des bis heute beliebten Stadtoberhaupts.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

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