Mitgliederversammlung

Schmähungen, Beleidigungen, Tritte unter die Gürtellinie: Kasseler FDP zerlegt sich

Kassel. Einem Schlachtfeld glich die Mitgliederversammlung der Kasseler FDP am Mittwochabend. Sachliche Diskussion? Fehlanzeige.

Zum ersten Mal, seit die FDP-Mitglieder Dr. Cornelia Janusch und Andreas Ernst ihre Fraktion verlassen hatten, kam die Kasseler FDP zu einer Mitgliederversammlung zusammen. Wer glaubte, am Mittwochabend in Eppos Clubhaus am Auestadion Zeuge einer engagierten, aber sachlichen Diskussion zu werden, sah sich schnell getäuscht. Man war auf einem Schlachtfeld angelangt. Als Waffen setzten die 36 anwesenden FDP-Mitglieder Schmähungen, Beleidigungen und Tritte unter die Gürtellinie ein. 

Die Partei zerlegte sich selbst. Oder, wie es der Altliberale Frank Oberbrunner sagte: "Wir haben uns zertrümmert." 

Dr. Cornelia Janusch

Erste Überraschung dieses denkwürdigen Abends: Die abtrünnigen Janusch und Ernst nahmen trotz des gegen sie laufenden Parteiausschlussverfahrens an der Mitgliederversammlung teil. Cornelia Janusch hatte gegen das Verfahren schnell noch Widerspruch eingelegt, was ihr vorläufig bis zur Entscheidung des Schiedsgerichts am 23. Juni die Mitgliederrechte sichert. 

Andreas Ernst

Andreas Ernst hatte das versäumt, der Parteitag tolerierte aber seine Anwesenheit und räumte ihm Rederecht ein. Schnell wurde auf der Versammlung deutlich, dass Ernst und Janusch mit ihrer Position innerhalb der FDP auf verlorenen Posten stehen. Die breite Mehrheit ist für den Kreisvorsitzenden Matthias Nölke, dem erbitterten Feind von Janusch und Ernst. 

Es gab an dem Abend keine Abstimmung - wäre votiert worden, hätte Nölke sicher um die 90 Prozent bekommen. Von vornherein derart gestärkt, lederte Nölke gleich mit heftigen Vorwürfen los: Protokolle, die Cornelia Janusch von Parteisitzungen geschrieben hatte, seien tendenziös gewesen, sie habe interne Informationen an die Grünen durchsickern lassen. 

Er sei einem persönlichen Rachefeldzug von Ernst und Janusch ausgesetzt und hoffe nun, dass beide aus der Partei ausgeschlossen werden, sagte Nölke. Dann trank er einen Schluck: "Ich muss mich erst mal runterkühlen." 

Andreas Ernst beklagte den Umgang unter den FDP-Mitgliedern. Es werde alles unternommen, um ihn und Janusch loszuwerden. Es gebe keine Gespräche, sagte er und fügte hinzu: "Es gibt gar nichts mehr". Derlei Klagen akzeptierten die FDP-Mitglieder nicht: "Sie haben die Wähler getäuscht, Sie haben die Fraktion verlassen, Sie haben die Partei schwer geschädigt." Danach verließ Andreas Ernst ziemlich rasch den Saal - was nicht unbedingt gut ankam.

So stand Cornelia Janusch allein in der Anklagebank der FDP und hielt eine fulminante Verteidigungsrede, die für Aufregung sorgte. Beim Kreisvorsitzenden Nölke stellte sie eine "vollkommene Richtungs- und Meinungslosigkeit" fest, er habe auf allen Ebenen versagt und sie verraten. Janusch brachte die Vermutung der CDU ins Spiel, sie und Ernst hätten dem Kasseler Haushalt nur zugestimmt, weil ihnen die SPD Jobs angeboten habe - sie hätten sich auf gut Deutsch also bestechen lassen.

"Ideengeber für die Käuflichkeitsvorwürfe der CDU war Matthias Nölke", sagte Janusch, was für einen Sturm der Entrüstung im Saal sorgte: "Es reicht", riefen FDP-Mitglieder. Janusch verlangte, wenig beeindruckt, dass Nölke aller seiner Ämter enthoben werden sollte. Das brachte langjährige FDPler wie Eckart Drosse vollends auf die Palme: "Wir haben Nölke gerade im April vorigen Jahres gewählt und Sie sagen, der soll jetzt weg. Damit bescheinigen Sie allen FDP-Mitgliedern, dass sie blind und doof sind." Den Kopf von Nölke zu fordern, sei einfach "abartig.

In der Folge wurden Janusch und Ernst, die nun als Liberale Liste in der rot-grün-gelben Koalition in Kassel sitzen, als "exotische Mehrheitsbeschaffer" bezeichnet, die sich schämen sollten, weil sie Wähler und Partei betrogen hätten. 

Wie es weiter gehen soll bei der FDP nach diesem "Gang durch das Feuer der Selbstverstümmelung" (Frank Oberbrunner) wusste an diesem Abend niemand. Dass das leckgeschlagene FDP-Schiff in diesen stürmischen Zeiten nicht vollends untergeht, dafür sorgte Heidrun Göbel-Feußner. Seit 1971 bei den Liberalen, habe sie sowas wie jetzt noch nie erlebt, sagte sie. Man solle endlich mit dem "Getratsche, Gehetze, Gemeuchel, persönlichen Anwürfen und Beleidigungen" aufhören. 

Immerhin: Der Appell verhallte nicht ungehört. Anträge von Vorstand und von Janusch mit gegenseitigen weiteren Vorwürfen wurden von beiden Seiten zurückgezogen. Nun muss das Parteigericht entscheiden. Ihr Mandat in der Kasseler Stadtverordnetenversammlung werde sie auf keinen Fall zurückgeben, machte Cornelia Janusch klar. Auch wenn sie wahrscheinlich bald nicht mehr in der FDP ist.

Rubriklistenbild: © dpa

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