Interview mit Kasseler Feelgood-Managerin über ihren Job

Vielen ist der Wohlfühlfaktor am Arbeitsplatz wichtiger als die Bezahlung

Das Klischee: Oft wird Feelgood-Managerin Michèle Vanek, wenn sie ihren Beruf nennt, auf Bällebäder angesprochen.
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Das Klischee: Oft wird Feelgood-Managerin Michèle Vanek, wenn sie ihren Beruf nennt, auf Bällebäder angesprochen.

Immer mehr Menschen kommt es bei der Suche nach einem Arbeitsplatz nicht nur auf die Bezahlung an, sondern auch darauf, dass das Unternehmen einen gewissen Wohlfühlfaktor bietet.

Kassel – Michèle Vanek arbeitet als Feelgood-Managerin beim Kasseler Startup Fino. Wir haben mit ihr über ihren Beruf gesprochen.

Frau Vanek, wie wird man Feelgood-Managerin?
Das ist eine gute Frage. Während meines ersten beruflichen Werdegangs war ich Physiotherapeutin. Ich habe eigentlich nicht nach etwas anderem gesucht, sondern die Idee ist mehr oder weniger zusammen mit einer Patientin entstanden, die bei Fino beschäftigt ist. Am Anfang war die Überlegung, ob ich als Physiotherapeutin für das Unternehmen arbeiten könnte. Aber Fino hat keine festen Vorgaben für bestimmte Positionen im Unternehmen und eigentlich war man auf der Suche nach etwas, das breiter gefächert ist. Da sind wir auf den Feelgood-Manager gestoßen, also übersetzt könnte man sagen, jemanden, der dafür sorgt, dass es den Mitarbeitenden gut geht.
Ist das mittlerweile eine feste Berufsbezeichnung?
Tatsächlich. 2013 hat das Fraunhofer-Institut eine Art Jobprofil für Feelgood-Manager erstellt. Darin werden als Aufgaben unter anderem die Verbesserung der Kommunikation erwähnt und dass der Feelgood-Manager eine Vertrauensperson für die Mitarbeitenden sein soll. Bislang findet man diesen Beruf heute häufig in Startup-Unternehmen.
Sind es gerade junge Menschen, die diese moderne Arbeitsform anspricht?
Ich beobachte, dass die meisten Arbeitnehmer, die ich kennenlerne, den Arbeitsplatz und das Umfeld genau unter die Lupe nehmen. Denen ist besonders wichtig, welche Werte das Unternehmen schätzt und vermittelt. Die müssen zum eigenen Lebenskonzept passen. Es ist nicht mehr nur wichtig, Geld zu verdienen, Angestellte schauen auch sehr genau hin, was das Unternehmen darüber hinaus anbietet. Ich glaube, Wohlfühlen ist wettbewerbsfähig geworden.
Wie sieht ihre Arbeit konkret aus?
Meine Arbeit als Physiotherapeutin fließt zu einem großen Teil in meine jetzige Arbeit mit ein. Ich habe damit angefangen, darauf zu achten, ob die Bürostühle richtig eingestellt sind. Ich biete Meditations- und Yogakurse und physiotherapeutische Behandlungen an. Aber ich bin auch einfach Ansprechpartnerin für viele Situationen oder organisiere einen Spieleabend, um den Zusammenhalt zu fördern, auch wenn wir uns persönlich durch Fernarbeit nicht sehen können. Die Weihnachtsfeier haben wir im vergangenen Jahr wegen der Covid-19-Pandemie digital mit einem Krimi-Dinner gefeiert. Allen Mitarbeitenden haben wir dazu Kochboxen geschickt. Oft ergeben sich aus Gesprächen und Situationen dann neue Aufgabenfelder für mich.
Welche Bereiche decken Sie ab?
Der Beruf des Feelgood-Managers ist der Legende nach entstanden, weil die Frau eines Unternehmers den Mitarbeitenden immer Brötchen geschmiert und dafür gesorgt hat, dass es ihnen gut geht. Im Grunde trifft es das ja auch, ein bisschen ist man die gute Seele eines Unternehmens. Die Bereiche, die man abdeckt, die lassen sich schwer benennen, weil das jeden Tag etwas anderes sein kann. Das können sowohl berufliche als auch private Themen sein.
War das am Anfang für Sie ungewohnt?
In der Tat. Als Physiotherapeutin war ich es gewohnt, in einer Taktung von 20 Minuten von einem Zimmer ins nächste zu laufen. Der Arzt hat auf Rezepten eine Richtung vorgegeben. Das kannte ich fast zehn Jahre lang so. Da ist es natürlich seltsam, wenn man sich plötzlich seine Aufgaben selbst zuteilt. Anfangs ist mir das wirklich schwergefallen, aber mittlerweile liebe ich es, so kreativ arbeiten zu können. Manchmal bin ich selbst überrascht und denke, ich bin viel kreativer, als ich immer gedacht habe.
Wie sehen ihre früheren Kollegen ihren neuen Job?
Manche finden das richtig spannend und fragen scherzhaft, ob wir noch jemanden suchen. Andere wiederum sagen, dass das für sie nichts wäre, weil die Arbeit nicht mehr so viel mit der klassischen Physiotherapie zu tun hat. Die meisten Physiotherapeuten hätten in ihrem Beruf gern mehr Zeit für die Menschen, verrichten ihre Arbeit aber nach wie vor auf konventionelle Art und Weise, weil ihnen die Zeit fehlt. Und diese Zeit habe ich eben gerade und das ist schön. Ein Stück weit beginne ich auch, meinen ursprünglichen Beruf neu zu interpretieren.
Welches Unternehmen kann aus Ihrer Sicht besonders gut einen Feelgood-Manager gebrauchen?
Das ist schwierig zu sagen. Aber ich denke Unternehmen, die auf einen wertschätzenden Umgang mit Mitarbeitenden Wert legen und Menschlichkeit und Miteinander fördern, die können durchaus von der Arbeit des Feelgood-Managers profitieren. Es ist ja auch gut für Unternehmen, wenn es jemanden gibt, der dafür eben die Zeit und den Rücken frei hat und in einigen Bereichen da vielleicht auch die Chefetage entlasten kann. Es geht darum, dass sich jemand darum kümmert, dass Kleinigkeiten gehört und gesehen werden. Fragen, die ich ganz oft bekomme, sind aber gerne scherzhaft, ob ich als Feelgood-Managerin auch ein Bällebad und den klassischen Obstkorb organisiere.
Gibt es also bei Fino einen Obstkorb und ein Bällebad?
Einen Obstkorb, sowie Tee und Süßigkeiten haben wir tatsächlich. Zwar kein Bällebad, aber einen Kicker, eine Tischtennisplatte und andere Spiele. Meine Arbeit geht aber weit darüber hinaus und umfasst auch das Hören und Sehen von zwischenmenschlichen Bedürfnissen und das Reden über diese Aufgaben.
Ein bisschen klingt das nach Aufgaben, die sonst oft vom Betriebsrat übernommen werden.
Das finde ich nicht. Denn was mich davon vor allem unterscheidet, ist, dass ich keine klare Position im Unternehmen habe. Der Betriebsrat setzt sich für die Beschäftigten ein. Ich bin eine Vertrauensperson, aber keine Anwältin für die Mitarbeitenden. Ich höre zu und nehme mich Dingen an und versuche, die wichtigen O-Töne herauszufiltern. Wenn ich an dieser Stelle merke, da ist Handlungsbedarf erforderlich, dann versuche ich, eine Kommunikation zwischen den Fronten herzustellen.
Wie hat die Pandemie ihre Arbeit verändert?
Ich bin etwas länger als ein Jahr bei Fino. Die Veränderungen durch Corona begannen also bereits in meiner Anfangszeit im Unternehmen. Ich habe mich mit Hygieneteams vernetzt und mich um Aufklärung im Umgang mit dem Virus, aber auch um die Beschaffung von Desinfektionsmitteln gekümmert. Meine Kurse habe ich online angeboten. Was mir ganz wichtig war und ist: Wir wollen die Werte, auf die es uns im Unternehmen ankommt, trotz der Pandemie fortführen können.
Wie sieht das aus?
Weil der Plausch beim Kaffee jetzt nicht mehr persönlich stattfinden kann, gibt es jetzt online eine virtuelle Teeküche, in der man sich zum Frühstück und zum Mittagessen treffen und sich digital austauschen kann. Bei Kollegen, denen daheim droht, die Decke auf den Kopf zu fallen, versuche ich feste Ansprechpartnerin zu bleiben. Die Angebote werden richtig gut angenommen. Da geht es um die Einstellung der Bürostühle daheim, einfach mal ein Gespräch oder mal ein Online-Spiel nach der Arbeit. Ich versuche alles, damit es den Mitarbeitenden im Homeoffice gut geht. Ich glaube, es ist im Moment wichtiger denn je, aufeinander aufzupassen. (Kathrin Meyer)
Michèle Vanek, Fino Feelgood-Managerin

Zur Person: Michèle Vanek

Michèle Vanek (30) ist gelernte Physiotherapeutin. Seit 2019 arbeitet sie beim Kasseler Fintech-Startup Fino als Feelgood-Managerin. Das Unternehmen entwickelt Servicedienstleistungen für die Nutzer von Bankkonten wie beispielsweise einen automatisierten Kontowechsler, der es ermöglicht, innerhalb weniger Minuten mit dem gesamten Konto inklusive aller Zahlungspartner von der alten zu einer neuen Bank zu wechseln. Fino ist im Science Park der Universität Kassel ansässig und beschäftigt mittlerweile mehr als 100 Mitarbeitende. 

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