Die Klasse 2b der Grundschule Harleshausen besuchen zwei behinderte Kinder

Felix sieht mit den Händen

Miteinander in der Klasse 2b: Felix lässt sich von seiner Klassenkameradin Luisa erklären, was auf dem Foto zu sehen ist. Links sitzt Blindenlehrerin Christine Löns. Im Hintergrund ist Praktikantin Lisa Benedix zu sehen. Foto: Herwig/nh

Kassel. „Die Voraussetzung dafür, dass Inklusion gelingt, ist ein Umdenken“, sagt Monika Böttcher. „Wir müssen sensibler werden und stärker auf die Bedürfnisse des anderen achten.“

Böttcher ist die Klassenlehrerin der 2b an der Grundschule Harleshausen. Es ist eine aufgeweckte Schülerschar voller kleiner Persönlichkeiten und großer Talente. Zwei der Kinder leben mit Handicap: Ein Kind ist gehbehindert und Felix (7) ist blind.

Klangschale ertönt

Wenn es früher in der Klasse laut wurde, gab es eine spezielle Geste: Böttcher legte einen Finger an die Lippen und hob die andere Hand, um Stopp zu signalisieren. In der 2b gibt es jetzt eine Klangschale. Wenn die erklingt, wissen alle Kinder: bitte Ruhe.

„Das meiste in unserer Gesellschaft ist visualisiert“, sagt Schulleiterin Cornelia Schein. „Erst recht in der Grundschule. Wenn man den Raum betritt, ist da erst mal die Tafel. Aber die kann Felix nicht sehen.“ Also ist Kreativität gefragt, wie der Unterrichtsstoff anders vermittelt werden kann. „Die Kinder haben sich ganz schnell daran gewöhnt, dass Felix mit den Händen und mit den Ohren sieht“, sagt Schein. Frontalunterricht sei in Zeiten von Inklusion nicht mehr möglich, ergänzt Böttcher: „Der Unterricht muss offen gestaltet werden.“

Die Klasse behandelt den vorausgegangenen documenta-Besuch. „Wer hat eine Idee, was sich der Künstler der Klanginstallation gedacht hat?“, fragt Böttcher. Viele Finger schnellen in die Höhe, auch der von Felix.

Wenn Felix schreiben will, stellt ihm seine Schulassistentin Christiane Geister die Schreibmaschine für die Brailleschrift, also die Punktschrift, auf den Tisch. Und Felix legt los, schreibt so korrekt wie jeder andere in der Klasse.

Zweimal in der Woche ist Blindenlehrerin Christine Löns in der Klasse anwesend. Sie verfügt über die auf blinde Menschen zugeschnittenen Didaktik-Kenntnisse. Auffallend: Die anderen Kinder wenden sich mit Fragen und Anliegen ganz selbstverständlich auch an Löns und Geister. Die reagieren freundlich, professionell und geben zu verstehen: Wir sind für alle Kinder da.

Zusammenhalt

„Mit dem Zusammenhalt des Kollegiums und dem Konsens unter den Eltern funktioniert Inklusion bei uns gut“, sagt Schein. Ausreichend entlohnt bekämen die Lehrer ihr Engagement jedoch nicht, beispielsweise die Stunden, die allein für Absprachen notwendig sind. Qualifikationen wie das Erlernen der Punktschrift hat Böttcher auf eigene Kosten in ihrer Freizeit erworben.

In Harleshausen wurden Kinder mit Behinderung schon beschult, als diese noch als „Integrationskinder“ bezeichnet wurden. „Letztlich ist Inklusion für uns das gleiche“, sagt Schein: „Allen Kindern das gleiche Gewicht zu geben, das ist seit jeher unser Anspruch.“

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