Spektakuläre Führung „drunter und drüber“

Anekdoten zur Stadtgeschichte: Ferkel brachten Küster-Frau den Tod

Fast 250 Stufen bis nach ganz oben geschafft: Bernd Tappenbeck (rechts) erzählte etwas zu den Glocken im Nordturm der Martinskirche.

Kassel. Dass Robert Wilhelm Bunsen den gleichnamigen Brenner und die Zink-Kohle-Batterie entwickelt hat, mögen einige Menschen wissen. Dass der Chemiker (1811 bis 1899) auch Leiter des Polytechnikums in Kassel war, ist weniger bekannt.

Die Teilnehmer des Stadtteilrundgangs „drunter und drüber“, der seit Donnerstag von der Projektgruppe „Kassel Total“ des Vereins Vikonauten angeboten wird, werden das wohl nie wieder in ihrem Leben vergessen. Allein wegen des Geruchserlebnisses, das sie im Dörnberg’schen Haus am Martinsplatz heimgesucht hat.

Dieses Haus ist erste Station des außergewöhnlichen Stadtrundgangs, der die Teilnehmer an Orte bringt, die sie ansonsten kaum zu sehen bekommen. In diesem Haus, das im Zweiten Weltkrieg bis auf das Erdgeschoss und das Treppenhaus im Hof komplett zerstört wurde, war ab 1832 die höhere Gewerbeschule, das Polytechnikum, untergebracht. Und einer der Leiter war Bunsen (1836 bis 1839).

Der Chemiker sei von den engen Räumlichkeiten nicht besonders angetan gewesen, sagt Bernd Tappenbeck, Projektleiter und Tourführer. Von daher habe er seine Experimente mitunter ins Treppenhaus verlegt. Wie Bunsen dort geforscht hat, konnten die Teilnehmer am Originalschauplatz sehen und riechen. Denn zu der Führung gehören auch Inszenierungen: Der Schauspieler Gerrit Reinecke spielte den emsigen Chemiker und verpestete das Treppenhaus mit einer Kakodyl-Verbindung. Mit dieser hochgiftigen und nach Kot stinkenden Flüssigkeit hatte auch Bunsen in Kassel experimentiert.

Die zweieinhalbstündige Tour ist ein Streifzug durch die Höhen und Tiefen der Kasseler Stadtgeschichte, wie Tappenbeck sagt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Immer wieder wird man an die Zerstörung der Stadt am 22. Oktober 1943 erinnert. Zum Beispiel im Tiefkeller des ehemaligen Kaufhauses der Familie Chartier (heute Betten Kranefuß) oder im Tiefkeller des Scholl’schen Kaufhauses am Königsplatz (heute Hausfrauenverband). Hier erstickten in der Bombennacht 400 Menschen.

Stadtführung von Kassel Total

Auch die beiden Türme der Martinskirche waren Ziel und Zentrum des Großangriffs. Nur selten bekommt man bei Stadtrundgängen die Gelegenheit, die 250 Stufen des Nordturms hochsteigen zu dürfen. Hier werden nicht nur Fakten vermittelt, sondern auch Anekdoten erzählt.

Von Küster zu Küster der Martinskirche wurde zum Beispiel weitergetragen, dass einst ein Küster der Kirche Ferkel auf dem Dachboden über dem Langhaus hielt. Das Getapse der kleinen Schweine war auch in der Kirche zu hören. Deshalb wollte sich ein Mitglied des Kirchenvorstands beim Küster beschweren. Er traf aber nur dessen Frau an, die sich über die Kritik ärgerte. Es kam zum Gerangel im Treppenhaus. Bei dem Streit stürzte die Frau des Küsters unglücklich und starb.

Ob nun Legende oder Wahrheit: Die Teilnehmer waren begeistert von der Führung. „Hier werden Geschichte und Unterhaltung gut verbunden“, sagt Charlotte Meyerrose aus Kassel.

Die Touren „drunter und drüber“ sind komplett ausgebucht, sollen aber im Mai 2016 wieder angeboten werden.

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