Vor Weihnachten dürfen die Inhaftierten der JVA zusätzlich im Knastladen einkaufen

Weihnachten im Knast: Einkaufen fürs Fest

Ausgabe immer samstags: Tiana Becker, Leiterin des knasteigenen Ladens der Firma Serco, händigt dem Inhaftierten Predrag Boka seine Bestellung aus. Fotos:  Koch

Kassel. „Stollen und Marzipan sind seit vergangener Woche aus“, sagt Tiana Becker. „Aber wir verkaufen die Weihnachtswaren auch schon seit Oktober.“ Die Kunden von Tiana Becker können allerdings nicht in ein anderes Geschäft gehen, wenn sie unbedingt noch einen Stollen haben möchten.

Bei ihnen handelt es sich nämlich um Insassen der Justizvollzugsanstalt Kassel I. Tiana Becker ist die Leiterin des knasteigenen Einkaufsladens des Unternehmens Serco.

Alle zwei Wochen dürfen die Inhaftierten hier einkaufen, jetzt in der Vorweihnachtszeit wird den Männern ein Sondereinkauf zugebilligt.

Der 38-jährige Predrag Boka hat sich vor sechs Wochen gleich acht Stollen gekauft. „Zur Sicherheit. Jetzt sind sie aber schon alle weg“, sagt der Mann, der seit 1995 inhaftiert ist. Die ersten sechs Jahre habe ihm das Weihnachtsfest hinter Gittern nichts bedeutet. „Mit dem Alter und der Vernunft ist es für mich wichtiger geworden“, sagt Boka. Er besucht mittlerweile auch die Gottesdienste.

Boka sowie die Häftlinge André Braun und Burkhard Liesung gehören zur Interessenvertretung der Gefangenen. Sie teilen Tiana Becker mit, welche Produkte sich die Männer zusätzlich im Sortiment wünschen. Das sind derzeit geräucherte Putenbrust, asiatische Instantsuppen, Basmatireis oder die Süßwarenspezialität Halva.

Der Einkauf ist etwas Besonderes, sagt Anstaltsleiter Jörg-Uwe Meister. „Früher hieß das Knast-Kirmes.“ Der 49-jährige Burkhard Liesung bezeichnet es als einen Höhepunkt des Knast-Alltags. „Von dem Geld, das wir hier verdienen, können wir uns etwas gönnen.“

Das Procedere ist genau vorgeschrieben. Jeden zweiten Mittwoch können die Männer einen Bestellschein, auf dem alle Waren mit Preisen aufgeführt sind, abgeben. Im Angebot sind Tabak, Kaffee, Tee, alkoholfreie Getränke, Milchprodukte, Süßes, Kosmetik, Obst, Wurst, Nudeln, Schreibwaren und Zeitschriften. Alkohol ist tabu. Zudem sind bestimmte Feuerzeuge, Deos mit Alkohol sowie Pfeffer verboten. Pfeffer könnte als Reizmittel eingesetzt werden. Die Preise seien im Durchschnitt nicht höher als anderswo, sagen die Häftlinge.

Samstags dürfen sich die Männer ihre Bestellung abholen. Tiana Becker und ihre Kollegen haben den Einkauf zuvor in Körbe gepackt. „Die Arbeit hier macht allen sehr viel Spaß“, sagt Becker. „Die Männer sind dankbar und glücklich, wenn sie ganz normale Worte mit uns wechseln können.“ Neben dem Weihnachtsgebäck wird derzeit die neue Ausgabe vom „Playboy“ stark nachgefragt. „Wegen des Kalenders fürs nächste Jahr“, sagt Becker und lächelt. 30 Exemplare des Männermagazins hat sie bereits verkauft. Weitere Hefte sind bestellt.

Predrag Boka wird die JVA frühstens im November 2012 verlassen dürfen. Welchen Wunsch würde er sich als Erstes in Freiheit erfüllen? „Ich freue mich nur darauf, Weihnachten mit meiner Familie feiern zu können.“

Von Ulrike Pflüger-Scherb

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