Angehörige von Alkoholkranken bieten Selbsthilfegruppe an

„Feste sind Trinkern wurscht“

Leiten die Angehörigengruppe des Blauen Kreuzes: Birgit Witzel (links) und Erika Groth.
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Leiten die Angehörigengruppe des Blauen Kreuzes: Birgit Witzel (links) und Erika Groth.

An Festtagen wie Weihnachten und Silvester wird in der Regel nicht nur gut gegessen, sondern meistens stehen auch alkoholische Getränken auf dem Tisch. Wie werden diese Feiern zum Jahresende in Familien, wo Alkoholsucht eine Rolle spielt, verbracht? Sind es Großkampftage?

Wenn Alkoholsucht das Familienleben bestimmt: Das Blaue Kreuz bietet Hilfe.

Kassel. „Die Feiertage sind nicht das Problem, jeder Tag ist ein Problem,“ sagen Birgit Witzel und Erika Groth, die seit Jahren mit der Alkoholkrankheit ihrer inzwischen trockenen Männer zu tun haben. Birgit Witzel, die heute geschieden ist, sagt: „Ob Feiertag oder nicht: Feste sind Trinkern wurscht.“

Weil die Frauen an den Festtagen häufig viel zu tun haben und Gäste im Haus seien, falle das Trinken des Partners eher weniger auf, sagt Birgit Witzel und fügt hinzu: „... wenn er sich nicht total daneben benimmt.“ Wenn man sage „Trink heute mal nicht so viel“, könne das klappen. Man denke dann nur: „Hoffentlich ist er nicht schon um 16 Uhr blau, sondern erst nach der Bescherung.“ So lasse man als Angehörige Weihnachten und Silvester über sich ergehen.

Den Fokus auf die Partner und Familien und weniger auf die Alkoholkranken zu legen, war das Anliegen von Erika Groth, als sie vor fast 20 Jahren die Angehörigengruppe des Blauen Kreuzes Kassel gründete. Ihnen, die im Schatten stehen, aber genauso betroffen sind, will sie mit anderen Familienangehörigen von Alkoholkranken Hilfe anbieten. Um die werde sich fatalerweise nicht gekümmert. In der Selbsthilfegruppe, der zurzeit 20 Frauen angehören, würden viele feststellen: „Ich bin ja gar nicht allein.“ Auch die bittere Erkenntnis, dass man als Angehörige nichts erreichen kann, sondern der Alkoholkranke entscheiden muss, sich helfen zu lassen, trage sich gemeinsam leichter.

Wunder verspricht die Angehörigengruppe nicht. Im Gegenteil: „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, sagt Birgit Witzel. Wer Patentrezepte erwarte, werde gleich aufgeklärt: Du bist wegen Dir hier. Und das sei für viele Angehörige eine neue Erfahrung. Sie seien es gewohnt, sich um das Handling der Familie zu kümmern, zu funktionieren, auch für die Kinder, oft über die Schmerzgrenze hinaus. Das Negative, die Alkoholsucht des Partners, werde oft klaglos angenommen, so Groth. Sie erinnert sich daran, wie sie als junge Frau war: „Dabei wollte ich immer eine gleichberechtigte Partnerschaft, und irgendwann bemerkte ich, dass alle Last auf meinen Schultern liegt.“

Birgit Witzel und Erika Groth sind davon überzeugt, dass die Angehörigengruppe ein Ort ist, um Kraft zu sammeln. Und sei es nur für die kommende Woche.

Wie wichtig die Gruppe ist, beweisen die Reaktionen der Teilnehmenden. „Es hat lange gedauert, bis ich begriffen habe, dass ich Hilfe brauche. Mein alkoholkranker Partner hat jede Hilfe von außen abgelehnt, und das ist bis heute so geblieben“, schreibt eine Angehörige. „Die Anteilnahme der Gruppe, die Frage Wie geht es Dir?, die Erfahrungen, die andere machen, all das hilft mir, meine persönliche Situation zu reflektieren, der Krankheit und somit dem Erkrankten Grenzen zu setzen, um sich nicht noch tiefer in die Krise ziehen zu lassen oder sogar zu erkranken.“

Info: Mittwochs, 10.30 Uhr, trifft sich die Angehörigengruppe des Blauen Kreuzes im Blauen Café am Walter-Schücking-Platz. In Corona-Zeiten fallen die Treffen aus. Es kann sich aber außerhalb getroffen werden. Erika Groth (0561/4 75 58 66) und Birgit Witzel (0561/ 93 72 71 24) sind telefonisch erreichbar.

Hintergrund

„Bei 5 Millionen Alkoholkranken in Deutschland plus im Schnitt drei Familienmitgliedern kommen wir auf 15 Millionen Menschen, das sind 20 Prozent unserer Bevölkerung, die von einer Alkoholkrankheit in Mitleidenschaft gezogen ist“, sagt Manfred Engelke vom Vorstand des Blauen Kreuzes Kassel. Der Verein ist eine überkonfessionelle Christengemeinschaft, die dem Missbrauch von Alkohol und anderen Suchtmitteln entgegenwirken und vorbeugen will. Es gibt Einzel- und Gruppengespräche, Seelsorge und Therapieangebote.

Infos: Tel. 05 61 / 20 75 58 80, Mo-Fr 10 -16 Uhr, bk-ks.de

(Christina Hein)

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