Es flossen die Tränen

Aggressive Debatten und Festnahme bei Demo gegen Ostpreußen-Treffen

Kassel. „Eure Zukunft endete 1945“ steht auf einem der Transparente, mit denen etwa 40 Demonstranten die Teilnehmer des Deutschlandtreffens der Landsmannschaft Ostpreußen am Sonntag vor den Kasseler Messehallen empfangen.

„Gegen Geschichtsverdrehung und NS-Verherrlichung“ heißt es auf einem anderen. Viele der Besucher - etwa 5000 kamen zu dem Treffen - schütteln mit dem Kopf oder reagieren gereizt. „Bescheuert seid ihr!“ ruft ein alter Mann den überwiegend jungen Demonstranten zu und macht mit seinem Arm eine Scheibenwischerbewegung vor dem Kopf.

Aktualisiert um 17.40 Uhr

Eine aufgeheizte Atmosphäre herrscht während der knapp zweistündigen Aktion, zu der das Kasseler Bündnis gegen Rechts aufgerufen hatte. Viele Besucher diskutieren mit den Demonstranten, dabei wird es oft laut. Immer wieder fließen aber auch die Tränen bei den alten Leuten. Die Vorwürfe der Demonstranten scheinen sie tief zu treffen.

„Das ist doch nur unsere Heimat. Warum wollt ihr uns die Freude nehmen, hier mal wieder den alten Dialekt zu sprechen und uns in Ruhe und Frieden zu treffen?“, fragt Johanna Schink. Die Träner kullern der 76-Jährigen, die im Alter von viereinhalb Jahren mit der Familie aus Ostpreußen floh, über die Wangen.

Günter Balschuweit reagiert verägert. Die Aktion sei „unverschämt“, findet der 76-Jährige, der in Tilsit geboren ist und jetzt in Thüringen lebt. „Wir sollen die Nazis verherrlichen? Die waren doch der Auslöser für Flucht und Vertreibung“, sagt er. Als ein anderer aufgebrachter Mann den Demonstranten „Haut ab!“ zuruft, entgegnet einer aus deren Reihen: „Ihr seid doch schon mal abgehauen. Ihr habt da mehr Erfahrung.“

Fotos: Deutschlandtreffen der Landmannschaft Ostpreußen

Deutschlandtreffen der Landmannschaft Ostpreußen

Holger Kindler vom Bündnis gegen Rechts betonte gegenüber der HNA, mit der Aktion wolle man nicht die Schicksale von Besuchern in Frage stellen. Man wende sich mit der Demo gegen die Positionen der Landsmannschaft. Dort gebe es personelle Verbindungen in die rechte Szene.

Vor dem Eingang der Messehallen steht Lars Seidenstickervom Eigentümer-Bund Ost und verteilt mit seinem 14-jährigen Sohn Flugblätter. Seidensticker ist auch im Vorstand der rechtsextremen Bürgerbewegung pro Deutschland. „Wir wollen unser Eigentum in Ostpreußen zurück“, ruft er den Besuchern des Treffens in Kassel zu. „Die Landsmannschaften thematisieren das ja nicht mehr.“ Er sei dafür die Wiederherstellung der Grenzen von 1937, sagt Seidensticker unverhohlen.

Wenig später wird ein zu den Demonstranten gehörender junger Mann festgenommen, weil er sich offenbar mit dem Sohn Seidenstickers anlegte. Die Polizei mischte sich ein und führte kurz darauf den jungen Mann, der sich nicht ausweisen konnte, unter Protest seiner Mitstreiter in Handschellen ab. Der Festgenommene wurde später wieder auf freien Fuß gesetzt.

Von Katja Rudolph

Rubriklistenbild: © Fischer/HNA

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.