Feucht, aber feierlich: Kassels Katholiken feierten Fronleichnam

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An ungewohntem Ort: Auf dem Langraf-Philipps-Platz war ein Altar für das katholische Hochfest aufgebaut. Vorn auf dem Bild dirigiert Regionalkantor Thomas Pieper. 

Kassel. Unter erschwerten Bedingungen feierten Kassels Katholiken am Donnerstag das Fronleichnamsfest. Die traditionelle Prozession durch die Innenstadt war abgesagt worden, weil Königs- und Friedrichsplatz wegen der documenta nicht zur Verfügung stehen.

Ersatzweise hatte sich das Publikum auf dem Landgraf-Philipps-Platz vor der evangelischen Martinskirche versammelt - unter einem dichten Meer von Schirmen, da es anhaltend regnete. „Der Himmel stellt uns heute wirklich auf die Probe“, seufzte Pfarrer Albrecht Vey, Vorsitzender des katholischen Kirchengemeindeverbandes.

Eine stimmungsvolle Feier wurde es dennoch. Bunte Fahnen, Weihrauchduft und Schilder mit den Namen der 14 katholischen Gemeinden Kassels säumten den Altar auf dem Vorplatz, um den sich neben zahlreichen Messdienern und Geistlichen auch Ordensfrauen und festlich weiß gekleidete Kommunionkinder versammelt hatten. Einige hundert Menschen waren gekommen und harrten im Dauerregen aus.

Nach dem Geläut von der Hauptkirche der evangelischen Gastgeber gestalteten Blechbläser sowie ein stadtweiter Gemeindechor unter Leitung von Regionalkantor Thomas Pieper den musikalischen Teil der Liturgie, die vom Forstfelder Pfarrer Piotr Polkowsi (Gemeinde St. Andreas) zelebriert wurde. In seiner Predigt sprach er - nicht unpassend zum documenta-Beginn - vom „Zeitalter des Bildes“, in dem die Menschen heute leben. Durch die Flut medial vermittelter Bilder lasse man es sich allzu leicht abnehmen, „sich selbst ein Bild zu machen“ - etwa das Bild des eucharistischen Brotes, dem Gegenstand des Fronleichnamsfests, für sich zu entschlüsseln.

Die Anbetung der geweihten Hostie in ihrem Schaugefäß, der Monstranz, bildete den Höhepunkt und Abschluss der Fronleichnamsfeier. Da hatte der Regen gerade rechtzeitig aufgehört, denn auf dem angrenzenden Martinsplatz war alles hergerichtet für ein Gemeindefest bei Bratwurst und Eintopf, Kaffee und Kuchen. Viele wischten sich ein Plätzchen auf den Bänken trocken und blieben noch eine Weile beisammen.

Eine Feier wie diese habe es „seit 486 Jahren nicht mehr an der Martinskirche gegeben“, hatte deren Pfarrer Dr. Willi Temme bei der Begrüßung der katholischen Gäste gesagt. Seit Landgraf Philipp I. anno 1526 sein Herrschaftsgebiet protestantisierte, habe es viel Zeit gebraucht, bis sich in Kassel wieder ein so reiches katholisches Glaubens- und Gemeindeleben entwickeln konnte.

In früheren Zeiten sei debattiert worden, so Temme, „ob katholische Kirchen überhaupt einen Turm haben dürfen.“ Und heute, im Jahr 2012, „spricht alle Welt über den Turm der katholischen Kirche“ - nämlich jenem auf dem Friedrichsplatz, der als documenta-Widerpart populär geworden ist.

Stichwort: Erinnerung an das letzte Abendmahl

Fronleichnam, das Hochfest des Leibes und des Blutes Christi, wird immer am zweiten Donnerstag nach Pfingsten gefeiert. Mit dem Fronleichnamsfest erinnern Katholiken an das letzte Abendmahl Christi. Fronleichnam heißt „Leib des Herrn“. Darin kommt der Glaube zum Ausdruck, dass Jesus Christus in Wein und Brot gegenwärtig ist. Als sichtbarer Ausdruck dieses Glaubens wird eine gesegnete Oblate (die Hostie) in einem Schmuckgefäß bei Prozessionen durch die Straßen getragen.

Von Axel Schwarz

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