Dem Feuersturm getrotzt: Vor 100 Jahren wurde das Chartier-Haus erbaut 

Kassels erste Adresse für Feinkost, Sekt, erlesene Weine und Kolonialwaren: Im Chartier-Haus an der Unteren Königsstraße befand sich dieser üppig bestückte Laden. Die Aufnahme entstand vor dem Krieg. Repros:  Dilling/HNA-Grafik

Kassel. Nach dem verheerenden Bombenangriff im Herbst 1943 ist kaum noch etwas vom alten Kassel übrig geblieben.

Doch neben den Türmen der Martinskirche ragte an der Unteren Königsstraße 50 noch ein großes Gebäude mit markanter Sandsteinfassade und herrschaftlichen Balkonen aus dem Trümmermeer, größtenteils ausgebrannt, aber sonst intakt.

Das Chartier-Haus, benannt nach seinem Erbauer, dem Hugenotten und Kaufmann Friedrich Chartier, war früher in der Kasseler City ein großbürgerliches Wohn- und Geschäftshaus und zugleich die erste Adresse für Feinkost, Sekt, erlesene Weine und Kolonialwaren. Vor genau 100 Jahren, 1911 wurde es von Chartier errichtet, der ein kurz nach der Jahrhundertwende an dieser Stelle erworbenes Haus abgerissen hatte, um sich zu vergrößern. Wohn- und Geschäftshaus ist das Gebäude noch heute. Später zog dort im Erdgeschoss das Bettenhaus Kranefuß ein, das einige der früheren Wohnräume und einen Teil des Kellers als Lager nutzt.

Das Feinkostgeschäft Chartier, das bis in die 1960er-Jahre bestand und wegen der wachsenden Konkurrenz der Kaufhäuser aufgegeben wurde, war ein Familienunternehmen. Die Vettern Erich und Hans Trost aus Frankenberg hatten Töchter des Kasseler Kaufmanns Chartier geheiratet, stiegen ins Geschäft ein und führten es nach dem Tode Chartiers fort.

Stattliches Gebäude: Das Chartier-Haus - heute Betten Kranefuß - brannte in der Bombennacht zwar aus, die Außenmauern blieben aber intakt.

Ihre Nachkommen wohnen teilweise noch heute in dem Haus und sind Miteigentümer. „In der Küche haben wir Kaffee geröstet, Heringe ausgenommen und riesige Bratenstücke gebrutzelt, um sie unten im Geschäft zu verkaufen“, erinnert sich Eva Melcher, geborene Trost, an ihre Kinder- und Jugendzeit im Chartier-Haus. Man habe komfortabel und großzügig gewohnt, mit Kindermädchen, Laufburschen und Putz- und Bügelfrau als Bediensteten, erzählt die 80-Jährige. Zu besonderen Ereignissen seien Flaggen an der Fassade gehisst worden.

Die Bombennacht von 1943 hat Melcher als junges Mädchen miterlebt. Sie sei damals mit einer nassen Decke über dem Kopf aus dem Inferno geflüchtet, erzählt die Rentnerin. Eine Reihe von Familienangehörigen schafften das nicht und kamen um.

Melcher

Nach dem Krieg war es mit der Großbürgerlichkeit vorbei. Die ehemals riesigen Wohnungen seien in mehrere kleine Einheiten umgebaut worden, sagt Margret Rockwitz. Die 57-jährige Wahl-Kölnerin ist in dem großbürgerlichen Haus aufgewachsen, im dritten Stock, und besitzt dort noch eine Wohnung. Ihr vor drei Jahren verstorbener Vater Friedrich Trost ist in dem Haus aufgewachsen und hat von den gewalttätigen Auseinandersetzungen in der Innenstadt erzählt, die die Machtübernahme durch die Nazis in Kassel einleiteten und die er vom Fenster des Chartier-Hauses hautnah verfolgte. Trost, der das Haus jahrzehntelang verwaltete, legte die teilweise verschütteten Keller, die wahrscheinlich deutlich älter als das Gebäude sind, frei. In den Kreuzganggewölben lagerten früher die Sektflaschen und Weinfässer der Firma Chartier. Heute würden dort ab und zu Vernissagen veranstaltet, erzählt Rockwitz, während sie den Besucher durch das feuchte Gemäuer führt.

Von Peter Dilling

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