Filmemacher Klaus Stern über den Göker-Film „Versicherungsvertreter“

Kassel. Spektakulärer wuchs und kollabierte keine andere Firma in der Region in den letzten Jahren: Die Firma MEG des Versicherungsvermittlers Mehmet Göker meldete 2009 Insolvenz an.

Der Trailer zum Film

Ein Jahr zuvor hatte der MEG-Umsatz noch über 60 Millionen Euro betragen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Göker wegen des Verdachts der Untreue und Insolvenzverschleppung. Klaus Stern hat über ihn den Dokumentarfilm „Versicherungsvertreter“ gedreht, der am Dienstag zur Eröffnung des Dokumentarfilm- und Videofests Kassel-Premiere hat und dann im Kino läuft.

Mehmet Göker hat in der Türkei Bratwürstchen für Sie gegrillt. Wie nah kommt man sich bei der Arbeit?

Klaus Stern: Nähe gehört zu meiner Arbeit. Und Göker hat die Gabe, Menschen in seinen Bann zu bringen. Trotzdem bestand nicht die Gefahr, dass es ein PR-Film wird. Ich hatte ihm gegenüber klargemacht, dass ich auch keine verfilmte Anklageschrift plane.

Er wirkt im Film oft richtig gewinnend. Wie ist Göker privat?

Stern: Natürlich ist er ein Schulterklopfer, Verkäufer. Ist verbindlich, wirkt großzügig. Er scheint sehr offen. Schließlich will er im Film auch gut rüberkommen. Denke ich.

Aber in der Firma war er auch richtig verletzend, zeigen Sie. Ein Mann der Extreme?

Stern: Das ist kalkuliert. Er schreit und übt Druck aus, um seine Leute gefügig zu machen. Das Prinzip Mehmet ist Einschüchterung. Manche sagen, es war eine Sekte. Ohne den Führer hätte es den Laden nicht gegeben. Und irgendwann wollte er den größten Finanzvertrieb der Welt haben, wie er im Film sagt. Anscheinend geht so was nicht mit Ringelpiez.

Sie meinen auch den Druck, den Versicherungen immer mehr Abschlüsse zu liefern, um mehr Provision zu kassieren.

Stern: Bei MEG haben sicher einige gute Verkäufer gearbeitet. Aber es gehört auch die andere Seite dazu, die Versicherungsfirmen als Auftraggeber. Die haben den Stoff, also die enormen Provisionen geliefert. Das wirft für die Branche Fragen auf. Selbstkritik bei den Versicherungen habe ich aber noch nicht gehört. Bezeichnend: Keine Versicherung wollte vor die Kamera.

Die Schlussszene gehört zu den stärksten im Film: Göker deutet eine weitere Karriere-Finte an. Dabei grinst er spitzbübisch und wirkt gleichzeitig ganz unschuldig und verbindlich. In so einem winzigen Moment steckt der ganze Göker. Wann wussten Sie, dass das Ihr Filmschluss sein sollte?

Stern: Das kam mir erst im September. Ich sammle erst mal das gesamte Material. Wir haben alle Szenen abgeschrieben, das sind 600 Seiten Text und Szenen. Dann bauen meine Cutterin und ich zusammen. Von Mai bis Oktober haben wir geschnitten, noch im Juli kamen neue Szenen dazu.

Wie entscheiden Sie, welche Szenen drin sein sollen?

Stern: Ich wusste, die Szene, wo Göker mit dem Hubschrauber anreist, muss drin sein, ebenso wie eine Firmengala in der Kasseler Stadthalle und Gespräche mit den Mitarbeitern im Büro. Das Interview in der Türkei und Göker dort im Swimmingpool waren Klammer für Anfang und Schluss. Mir war wichtig, nicht chronologisch runterzuerzählen.

Warum haben Sie das Thema Sportsponsoring ausgeklammert, was in der Region große Aufmerksamkeit hatte?

Stern: Dafür gab es zu wenig gute bewegte Bilder.

Sie arbeiten fast ohne Untertitel und ohne eine Erklärstimme aus dem Off. Damit riskieren Sie aber auch, dass einiges unverständlich bleibt und dass Personen nicht eingeführt werden, etwa der ehemalige Fußball-Profi und Ex-MEGler Zoran Zeljko. Warum?

Stern: Der Film ist kein journalistisches Fernseh-Feature. Ich versuche mehr über die Bilder zu erzählen. Vielleicht ergänze ich kleine Texte für die Fernsehversion.

Woher kommt Ihr Material, etwa ein Handyfilm, wie sich der Führungs-Zirkel das MEG-Logo als Tattoo stechen lässt?

Stern: Von Privatpersonen, aus Firmenvideos und einem Privatsender. Das war eine lange Recherche. Auch die Gesprächspartner-Suche. Ich habe mit über 100 Leuten telefoniert, viele getroffen, die gute Geschichten zu erzählen hatten. Aber die meisten wollten nicht vor die Kamera. Viele sind weiter im Vertrieb von privaten Krankenversicherungen. Ist ja finanziell auch ein wirklich geiles Geschäft, wie ein Protagonist sagt.

Gab es Momente, wo Sie selbst inhaltlich verblüfft waren über Ergebnisse Ihrer Recherche?

Stern: Wenn eine Versicherung ein neues Produkt einführen wollte, gab es bis zu 21 Monatsbeiträge an Provision für den Vermittler. Das muss man sich mal vorstellen. Verblüffend fand ich aber auch, was Mitarbeiter bereit waren, für ihren Job auszuhalten.

Ihre Filme demontieren die Protagonisten, etwa „Weltmarktführer“ oder „Henners Traum“. Ist das den Protagonisten des jeweils neuen Projekts nicht bewusst?

Stern: Das müssen Sie Göker fragen. Ich glaube, ihm wird der Film gefallen.

Es gibt eine Verschwörungstheorie, wonach die Staatsanwaltschaft nicht ermitteln wird, weil dann die Versicherungsbranche den Bach heruntergeht. Wie sehen Sie das?

Stern: Es ist gerade ein Gesetz zur Regulierung der Provisionen verabschiedet worden. Das geht auch auf die MEG-Pleite zurück. Ich würde der Staatsanwaltschaft nie unterstellen, dass sie nicht ermittelt. Was sollte deren Interesse sein?

Wie sind Sie zu dem Thema Provisions-Wahn gekommen?

Stern: Auf meiner Zivildienststelle - vor über 20 Jahren - hat ein Kollege für die Continentale gearbeitet. Mit ihm war ich auf einem Rekrutierungsseminar. So viele gierige - und naive - Menschen in einem Raum habe ich nie wieder gesehen. Wie sagt Michael Douglas in „Wall Street“: „Es ist die Gier, die uns antreibt.“ Und gierig war ich für diesen kurzen Moment auch.

Von Bettina Fraschke

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