Ab Mittwoch im Kino

Filmkritik zu „Versicherungsvertreter 2 - Mehmet Göker macht weiter“

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Nachdenklicher Moment: Mitarbeiter mit ihrem Firmenchef Mehmet Göker (vorn) in einer Szene des Films von Klaus Stern.

Kassel. Am Mittwoch startet Klaus Sterns Doku „Versicherungsvertreter 2 - Mehmet Göker macht weiter“ – im Kasseler Bali-Kino. Eine Filmkritik. 

Früher sind die Desillusionierten, die, die in ihrer Heimat keine Lebensperspektive gesehen haben, Söldner geworden. Heute gehen erstaunlich viele von ihnen zu Mehmet Göker und drehen Kunden neue Krankenkassentarife an. Eine Art Fremdenlegion an der türkischen Ägäis.

Der mehrfach preisgekrönte Kasseler Dokumentarfilmer Klaus Stern hat nach „Versicherungsvertreter“ (2011) jetzt erneut eine Doku über den zwielichtigen Versicherungsvermittler Göker und seine jetzt von der Türkei aus agierende Firma gedreht. „Versicherungsvertreter 2“ erzählt in 70 Minuten vorrangig vom verzweifelten Bemühen des 36-jährigen Deutschtürken, das kukidentweiße Image eines schneidigen Businessmanns, großkotzigen Lamborghinifahrers und des eisenharten Chefs mit Herz zu pflegen – während gleichzeitig immer stärker spürbar wird, wie wenig dieses Bild stimmt, wie viel Aufwand betrieben werden muss, um den Schein zu wahren. Diese Doppelbödigkeit ist filmisch grandios herauspräpariert.

Stern arbeitet wie immer ohne Off-Kommentare, fügt nur wenige erklärende Zwischentitel ein und greift für Hintergrundinfos auf mediale Auskunftgeber, etwa Frank Thonicke, Lokalchef bei der HNA, zurück. Dabei geht er das Risiko ein, dass flüchtige Zuschauer nicht alle Hintergründe verstehen, vor allem bei den einmontierten Betriebsfilmen aus der Zeit von Gökers früherer Firma MEG – im Übrigen spektakuläres Material.

Dennoch: Stern kommt nah heran an Mehmet Göker, ohne sich mit ihm gemein zu machen, wenn dieser ihn etwa fragt, ob er sich einen Bart stehen lassen sollte („Mir egal“).

Stern kann sich mit der Kamera in Gökers Büro in einer Stadtrandbrache frei bewegen und Göker auch auf Termine und bei Bewerbungsgesprächen begleiten. Der 36-Jährige kommt dabei durchaus sympathisch rüber, bei markigen Sprüchen wie „Wollen wir Geld verdienen oder wollen wir Geld verdienen?“ wird aber deutlich, dass hier jemand einen Erfolg herbeiprotzen möchte, der noch nicht einmal am Horizont in Sicht ist.

Ein interessanter Doppeleffekt ist, dass der nunmehr zweiteilige Film seine eigene Wirkungsgeschichte miterzählt. Göker zitiert sich stolz mit Sätzen aus der ersten Stern-Doku, und auch die jungen Bewerber beziehen sich immer wieder auf den ersten Film, der in ihren Augen beste Werbung für den windigen Vertriebsbranchen-Star ist.

Die Termine 

Kasseler Premiere am Mittwoch im Bali-Kino, Kulturbahnhof, ab 20 Uhr, Zusatzvorstellung: 22 Uhr, Klaus Stern ist anwesend. Ab dem morgigen Donnerstag läuft der Film dort täglich ab 16.45 Uhr und 18.45 Uhr, zudem am Sonntag ab 13.30 Uhr.

Diese Glücksritter bewerben sich bei Göker über Facebook. Sie werden, wie man miterleben kann, telefonisch aufgefordert, in die Türkei zu reisen und angepampt, wenn sie nicht sofort aufbrechen – in diesem überkandidelten Verkäuferjargon, der jede menschliche Regung sofort als mangelnden „Biss“ wertet. Und so läuft hier eine spannende zweite Erzählung als filmischer Subtext mit: Die Doku wirft ein Licht auf Schicksale junger Männer (Frauen sind kaum zu sehen) mit Migrationshintergrund, die offenbar auf seriösem Weg keine Möglichkeit sehen, in Deutschland beruflich Fuß zu fassen oder gar Karriere zu machen.

Wie ehrgeizig sie sind, wie willig, in einer kasernenartigen Atmosphäre auszuharren und sich beschimpfen zu lassen – für eine zweifelhafte Karriere, das ist ein wichtiges, wenig bekanntes Thema unserer Gesellschaft. Die neuen Söldner.

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