Zig-Millionen-Investition

Millionen-Investition in Kassel: Industriepark Werk Mittelfeld blüht auf

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Voll automatisierte Bearbeitungsanlage: Ein Teil davon steht bereits. Bis Mitte kommenden Jahres soll die Gesamtanlage fertig sein. Unser Foto zeigt Finoba-Gründer und Geschäftsführer Guido Barde (rechts) mit Fertigungsleiter Dennis Weiss. 

Im Kasseler Industriepark Werk Mittelfeld tut sich viel. Autozulieferer Finoba, Rheinmetall und Eigentümer Aroundtown investieren zig Millionen Euro.

Als der Immobilienkonzern Grand City Properties, der heute Aroundtown heißt, vor knapp vier Jahren das traditionsreiche Werk Mittelfeld übernahm, klingelten bei vielen Entscheidern aus Politik und Wirtschaft die Alarmglocken. Zu Recht. Denn das in Berlin und Luxemburg ansässige und von Larnaka (Nordzypern) aus gelenkte Immobilien-Geflecht, das bis dahin vor allem Wohn- und Hotel-Gebäude betrieb, war von Anfang an völlig überfordert mit einem integrierten Unternehmenspark, in dem sich mehr als 40 große, mittlere und kleine Unternehmen Infrastruktur, Ver- und Entsorgung, Industriedienstleistungen und Sicherheit teilen.

Es kam, wie es kommen musste. Mitten im Winter fielen prompt sämtliche Heizungen aus. Die Stromversorgung bereitete Probleme, undichte Dächer, kaputte Straßen, marode Ecken und, und und. Es hagelte Beschwerden und Androhungen, die Miete zu kürzen. Nach einiger Zeit besserte sich die Situation. Mühsam lernten die neuen Eigentümer, mit dem komplexen, in dieser Art bundesweit wahrscheinlich einzigartigen Industriepark umzugehen.

Eigentümer hat gelernt

Und heute? Aroundtown selbst baut gerade für 20 Millionen Euro zwei neue Logistikhallen für das benachbarte Mercedes-Benz-Achsenwerk. Finoba steckt eben so viel in neue, voll automatisierte Bearbeitungslinien für VW-Komponenten, und Panzerbauer Rheinmetall nimmt mehrere Millionen Euro für die Modernisierung und Ausweitung der Produktion in die Hand. Hinzu kommt eine weitere neue Halle, die Aroundtown sozusagen auf Vorrat baut. Die aktuelle Entwicklung im Mittelfeld lässt ahnen, dass sie nicht lange leer steht. Seit Jahrzehnten hat es nicht annähernd derart hohe Investitionen im einstigen Henschel-Werk gegeben.

Sorgen macht derzeit lediglich Lokbauer Bombardier, dessen Zukunft angesichts der Sprunghaftigkeit und Unentschlossenheit des kanadischen Mutterkonzerns ungewiss ist. Ein Zusammengehen mit der Zugtechnik-Sparte von Siemens scheiterte. Die Münchner tun sich gerade mit dem französischen Mitbewerber Alstom zusammen.

Wer am Ende Bombardier oder Teile davon übernimmt, ist unklar. Interesse werden dem Schweizer Familienkonzern Stadler, dem japanischen Konkurrenten Hitachi und dem chinesischen Bahn-Giganten CRRC nachgesagt. Allesamt würden die Produktion im Werk Mittelfeld mit großer Wahrscheinlichkeit aufrechterhalten, weil sie vergleichbar komplexe Produkte wie die Zugmaschinen aus Kassel nicht im Angebot haben und für den Service in der Nähe der Kunden bleiben müssen.

Zweites Sorgenkind ist Henschel, der Hersteller von Spezialgetrieben etwa für Hochgeschwindigkeitstriebköpfe, Bohrinseln, Notabschaltungen für Kraftwerke und eine Reihe industrieller Anwendungen. Er ist insolvent und sucht seit Monaten einen Käufer.

Im Werk Mittelfeld sind 40 Unternehmen mit insgesamt 2500 Mitarbeitern ansässig. Im benachbarten Mercedes-Benz-Achsenwerk, das der Daimler-Konzern 1969 erworben hat, arbeiten aktuell 3100 Menschen. Der 1918 entstandene Industriepark erstreckt sich einschließlich der Mercedes-Benz-Fläche über 67 Hektar und ist damit so groß wie 85 Fußballfelder.

Kommentar von José Pinto: Ein starkes Signal

Die Millionen-Investition des Autozulieferers Finoba ist weit mehr als nur eine Fußnote in einem wirtschaftlich starken Umfeld. Denn mit ihrem finanziellen Engagement im Werk Mittelfeld lösen die Chinesen und ihr deutscher Statthalter Guido Barde nicht nur ein Versprechen ein und schaffen Beschäftigung, sondern binden sich langfristig an den geschichtsträchtigen Industriestandort in der Nordstadt. Und die Investition zeigt, dass die übertriebene Furcht vor Käufern aus Fernost vielfach unbegründet ist.

Die Investitionsentscheidung pro Mittelfeld ist gleichzeitig ein starkes Signal an Eigentümer Aroundtown und die dort ansässigen Unternehmen, den Standort weiterzuentwickeln. Das gilt vor allem für Aroundtown, der zunächst gar nicht verstanden hat, wie der Jahrzehnte lang von den Vorbesitzern Deutsche Bank und ThyssenKrupp sträflich vernachlässigte Industriepark funktioniert. Die Eigentümer haben nach anfänglichem Unvermögen begriffen, dass sich im Mittelfeld auch langfristig Geld verdienen lässt. Diese späte Einsicht ist löblich.

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