Innung zahlt mittlerweile 100 Euro über dem Tariflohn

Fleischereien suchen dringend Azubis

Werben für den Beruf der Fleischereifachverkäuferin: Gita Köhler (von links), für den Verkauf zuständig in dem Hofgeismarer Familienunternehmen, sowie die Fachangestellte Michaela Hackenberg. Foto: Pflüger-Scherb

Kassel / Hofgeismar. Die Metzgerei Rohde an der Frankfurter Straße musste jetzt die Reißleine ziehen. Aus Personalmangel öffnet der Traditionsbetrieb derzeit nur an den Vormittagen. Am Geschäft hängt ein Schild mit der Info, dass man seit eineinhalb Jahren nach Fachkräften im Verkauf und für die Produktion sucht.

„Seit vier Jahren haben wir keine Auszubildenden, weder im Verkauf noch in der Produktion.“ Stephanie Rohde-Müller, Fleischereifachverkäuferin und Tochter der Inhaber, kann sich das nicht erklären. „Fleischereifachverkäuferin ist ein sehr schöner, moderner und zukunftsorientierter Beruf. Die ganze Welt schreit doch nach gesunder Ernährung.“

Das sieht Uwe Köhler, Obermeister der Fleischer-Innung Hofgeismar-Wolfhagen, genauso. Allerdings sprechen die Zahlen eine andere Sprache. In der Stadt Kassel werden derzeit gerade mal sechs Fleischereifachverkäuferinnen (verteilt auf drei Lehrjahre) ausgebildet. Im Landkreis sind es elf Auszubildende. Vor fünf Jahren gab es noch doppelt so viele Azubis in Stadt und Kreis, so Barbara Scholz, Sprecherin der Handwerkskammer Kassel.

Hintergrund: 740 Euro im dritten Lehrjahr 

Eine Auszubildende im Lebensmittelhandwerk mit dem Schwerpunkt Fleischerei verdient im ersten Lehrjahr 500 Euro, im zweiten Lehrjahr 610 Euro und im dritten Lehrjahr 740 Euro. Ausgelernte Fleischereifachverkäuferinnen bekommen als Grundgehalt 1750 Euro.

Nach einer EG-Verordnung über Lebensmittelhygiene sowie nach der nationalen Lebensmittelhygieneverordnung muss jeder, der mit leicht verderblichen Lebensmitteln umgeht, entsprechend seiner Tätigkeit geschult sein und damit über ausreichende Fachkenntnisse verfügen. Schulungen werden beispielsweise durch private Hygiene- / Lebensmittelberatungsinstitute angeboten. Die Lebensmittelüberwachungsbehörde prüfe, ob die Mitarbeiter über entsprechende Fachkenntnisse verfügen. Bei Mängeln werden Schulungen beziehungsweise der Einsatz von qualifiziertem Personal eingefordert, so Ingo Happel-Emrich, Sprecher der Stadt.

„Das ist erschreckend“, sagt Köhler, der in seinen sechs Geschäften in Hofgeismar nur Fachpersonal beschäftigt. An vielen Fleischtheken in Einkaufs- beziehungsweise Supermärkten arbeiteten nur noch ungelernte beziehungsweise angelernte Kräfte. Für die reiche als Qualifikation eine „einwöchige Hackfleischschulung“ und eine zweistündige Hygieneschulung nach dem Infektionsschutzgesetz aus (siehe Hintergrund). Grundkenntnisse und Grundverständnis für den Umgang mit Fleisch blieben da schnell auf der Strecke. „Ich kann doch nur Wurst gut verkaufen, wenn ich weiß, wie sie hergestellt wird.“ Um Nachwuchskräfte zu finden, zahle die Innung den Azubis jetzt 100 Euro über Tarif, sagt Köhler.

Seine Frau Gita Köhler ist in dem Familienunternehmen für den Verkauf zuständig. Der Beruf habe immer noch ein schlechtes Image. „Als Metzger stellen sich viele einen Mann vor, der mit seinen Händen Gehacktes knetet. Und als Fleischereifachverkäuferin eine Frau, die Gehacktesstullen schmiert und Bratwurst verkauft.“

Dieses Berufsbild sei nicht mehr zeitgemäß. Fleischereifachverkäuferinnen müssten nicht nur über ein enormes Fachwissen verfügen und Verkaufstalent besitzen, sondern sich auch mit Feinkost und Party-Service sowie der Zubereitung der Ware auskennen, sagt Gita Köhler. Größere und modernere Betriebe hätten es einfacher, Azubis zu finden. Sie und ihr Mann gingen auch in Schulen, um für die Ausbildungsberufe im Fleischereihandwerk zu werben.

Metzgermeister Stefan Schäfer, der sein Geschäft an der Wolfhager Straße in Harleshausen betreibt, hat seit „gefühlten 100 Jahren“ keine Azubis mehr. „Ich habe Anzeigen geschaltet und darauf null Reaktion bekommen“, sagt Schäfer. Das sei sehr schade.

Aber vielleicht sei für viele junge Leute die Arbeit in einer Metzgerei auch zu unattraktiv und hart. „Hier müssen sie auch Heiligabend und Ostersamstag arbeiten. In anderen Berufen ist Freitagmittag Feierabend“, sagt Schäfer.

Eigentlich wollte Michaela Hackenberg aus Trendelburg in der Hotelbranche arbeiten. Dieser Wunsch hat sich dann aber zerschlagen. Über ein Praktikum kam sie zur Metzgerei Köhler nach Hofgeismar. Hier absolvierte die junge Frau eine dreijährige Ausbildung zur Fleischereifachfrau. Die mittlerweile 25-Jährige hat allerdings so viel Spaß an ihrem Beruf gefunden, dass sie sich weiterbildete. Sie bekam ein Stipendium und machte an der Meisterschule eine Weiterbildung zur Verkaufsleiterin.

„Man hat in dem Beruf viele Wege offen, es kommt aber natürlich auch auf den Betrieb an.“ Fleischereifachverkäuferin sei ein Beruf, in dem es viel um Ernährung gehe. „Man gibt nicht einfach nur Fleisch raus.“

Allerdings habe die Profession keinen guten Ruf. „Viele verbinden damit nur die Tötung von Tieren und Kälte“, sagt Hackenberg mit Blick auf die Temperaturen in Metzgereien. Natürlich müsse einem klar sein, dass Tiere für Fleisch geschlachtet werden müssen, bevor man den Beruf wähle. Die Fleischereifachverkäuferin macht auch keinen Hehl daraus, dass die Arbeit anstrengend ist. Aber mit der richtigen Motivation habe man viel Spaß daran.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

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