Branche steht in der Kritik

Zehn-Minuten-Lieferdienst Flink jetzt auch in Kassel am Start

Jetzt auch in Kassel: Flink verspricht, per E-Bike innerhalb von zehn Minuten zu liefern.
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Jetzt auch in Kassel: Flink verspricht, per E-Bike innerhalb von zehn Minuten zu liefern.

Beim Lieferdienst Flink haben Kunden die Wahl zwischen fast 2400 Artikeln, die innerhalb kurzer Zeit geliefert werden sollen. Den Anbieter gibt es nun auch in Kassel.

Kassel – Schneller einkaufen kann wohl nur, wer im Supermarkt wohnt: Der Lebensmittellieferdienst Flink verspricht, einen kompletten Einkauf innerhalb von nur zehn Minuten beim Besteller abzuliefern – und das zu Zeiten, die locker mit den Öffnungszeiten großer Supermärkte mithalten können.

An der rasant wachsenden Branche gibt es jedoch auch Kritik – zuletzt eskalierte in Berlin ein Streit zwischen Beschäftigten und dem Flink-Konkurrenten Gorillas. Seit mehreren Wochen wirbt Flink in sozialen Netzwerken mit dem neuen Angebot in Kassel, auf Jobportalen im Internet werden Mitarbeiter gesucht.

Laut Webseite ist man bereits in 40 deutschen Städten vertreten. In Kassel sollen erst einmal die Gebiete Wehlheiden, Vorderer Westen, Wahlershausen und Mitte beliefert werden, sagt ein Flink-Sprecher auf Anfrage der HNA. Die Erschließung weiterer Gebiete sei denkbar.

Lebensmittel-Lieferdienst Flink jetzt auch in Kassel: Auslieferung erfolgt per E-Bike

Dazu, wie viele Mitarbeiter in Kassel eingestellt werden, wollte sich Flink nicht äußern. Um die schnellen Lieferungen zu ermöglichen, setzt Flink auf dezentrale Lagerstätten, sogenannte Hubs. Dort wird das gesamte Sortiment von rund 2400 Artikeln vorgehalten und verpackt. Die Auslieferung erfolgt dann per E-Bike. Ein Lager wird sich nahe der Kasseler Friedenskirche in einem ehemaligen Rossmann-Markt befinden. Ob weitere Hubs in Kassel geplant sind, sagte das Unternehmen nicht.

Ein Flink-Einkauf läuft so: Per Smartphone-App oder auf der Webseite wird der digitale Warenkorb gefüllt, der Mindestbestellwert liegt bei einem Euro, und pro Lieferung fällt eine Gebühr von 1,80 Euro an – unabhängig von der bestellten Menge. Die Lieferzeiten sind Montag bis Donnerstag von 8 bis 23 Uhr, freitags und samstags sogar bis 0 Uhr, bezahlt wird ausschließlich digital.

Das Sortiment beinhaltet die ganze Bandbreite eines Supermarktes, auch wenn manche Produkte nur in einer Variante erhältlich sind. Mit 2400 Artikeln kann Flink durchaus mit kleineren Supermärkten mithalten. Es gibt Fertiggerichte genauso wie Obst und Gemüse, Fleisch- und Backwaren, Konserven, Drogerieartikel und Getränke – vom Mineralwasser bis hin zum Hochprozentigen. Flink wirbt mit Supermarktpreisen.

Lieferdienst Flink jetzt auch in Kassel: Konkurrent hat Streit mit Angestellten

Der größte Flink-Konkurrent, Gorillas, war im Sommer mit eigenen Fahrern in Streit geraten. Die Vorwürfe der Belegschaft: schlechte Arbeitsbedingungen, Zeitdruck, unpünktliche Lohnzahlungen, befristete Verträge und mangelhafte Sicherheitsvorkehrungen wegen defekter Räder.

Die Fahrer organisierten Sitzblockaden vor den Lagern und streikten. Das Management zeigte sich nach außen hin kooperativ. Wegen anhaltender „wilder Streiks“, kündigte Gorillas Anfang Oktober Hunderten Fahrern, wie Medien berichteten.

Mit der Kritik am Konkurrenten konfrontiert erklärt Flink gegenüber der HNA: „Unsere Mitarbeiter in den Hubs und auf den Bikes sind unbefristet und sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Die Sicherheit für unsere Mitarbeiter ist essenziell.“ Man zahle elf Euro pro Stunde und versorge die Mitarbeiter mit passender und wetterfester Kleidung, hochwertigen E-Bikes und stelle Rückzugsräume bereit. Der Gründung eines Betriebsrates stehe Flink offen gegenüber, darüber hinaus arbeite man an eigenen Formaten, um mit Mitarbeitern in Dialog zu treten.

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Flink in Kassel – Verdi: „Wir beobachten die Arbeitsbedingungen in der Branche mit Sorge“

„Wir beobachten die Arbeitsbedingungen in der Branche mit Sorge“, sagt Manuel Sauer, der bei Verdi Nordhessen für den Bereich Handel zuständig ist. „Die Bezahlung ist meist deutlich unter tariflichem Niveau, und es entstehen kaum nachhaltige Arbeitsverhältnisse.“ Er gehe bei allen Unternehmen der jungen Branche von ähnlichen Bedingungen aus. „Die Kontrolle durch Vorgesetzte ist nicht zuletzt wegen vieler digitaler Prozesse sehr ausgeprägt“, sagt Sauer. „Kunden müssen sich im Klaren sein, wo gespart wird: Bei der Lieferung, der sogenannten letzten Meile. Das ist bei nahezu allen Lieferdiensten so.“

Investoren scheint die Kritik nicht zu stören: Das 2020 in Berlin gegründete Gorillas konnte zuletzt fast 900 Millionen Euro einsammeln, die Lieferplattform Delivery Hero sicherte sich acht Prozent der Unternehmensanteile für 200 Millionen Euro. Bei Flink, ebenfalls 2020 in Berlin gegründet, stieg im Juni die Lebensmittelkette Rewe ein. Fast alle Unternehmen der Branche haben eins gemein: Sie sind auf aggressivem Expansionskurs, der von zahlungskräftigen Risikokapitalgebern gestützt wird. (Gregory Dauber)

Während der Corona-Pandemie hatten einige Supermärkte in Kassel einen eigenen Lieferservice angeboten. Aufgrund Personalmangels muss dieser teils eingestellt werden.

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