Buch wurde jetzt ins Deutsche übersetzt

Flucht von Kassel nach Südafrika: Die bewegende Geschichte einer jüdischen Verlegerfamilie 

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Die Druckerei der Gebrüder Gotthelft: Diese war zunächst an der Mittelgasse und später an der Kölnischen Straße ansässig. In Spitzenzeiten arbeiteten dort 200 Beschäftigte.

Kassel. Den meisten Kasselern dürfte diese bewegende Familiengeschichte der Kasseler Verlegerfamilie Gotthelft unbekannt sein.

Dies liegt auch daran, dass die Lebenserinnerungen von Frieda Sichel, die der jüdischen Familie entstammt und in der Nazizeit nach Südafrika emigrierte, bislang nur in englischer Sprache vorlagen und hierzulande auch kaum erhältlich waren.

Nun hat das Archiv der deutschen Frauenbewegung in Kassel gemeinsam mit dem Historiker Wolfgang Matthäus mit „Die Herausforderung der Vergangenheit“ eine deutsche Ausgabe herausgegeben. Auf fast 200 Seiten entfaltet sich die umfangreiche Lebensgeschichte von Frieda Sichel (1889-1976) und ihrer bis zur Naziherrschaft angesehenen Familie, die seit dem 17. Jahrhundert in Nordhessen verwurzelt war.

Die Ausreise nach Südafrika: Frieda und Karl Sichel im Jahr 1935.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts leitete ihre Familie eine kleine Druckerei in Kassel. Auch der spätere Reichskanzler Philipp Scheidemann hatte von 1880 bis 1883 in der Firma seine Ausbildung absolviert. Das Geschäft entwickelte sich rasant und die Auftraggeber waren keine Unbekannten. Sogar Kaiser Napoleon III., der nach seiner Gefangennahme 1870 auf Schloss Wilhelmshöhe interniert war, gab Druckaufträge an die Familie Gotthelft. Später war es Kaiser Wilhelm II., der die Gotthelfs beauftragte, die sich ab 1896 „Königliche Hofbuchdrucker“ nennen durften.

Eine wichtige Rolle in der Kasseler Öffentlichkeit spielte die Druckerei schon seit 1873, als die Erstausgabe des Casseler Tageblattes erschien. Das Tageblatt existierte 80 Jahre lang und über drei Generationen hinweg. Zunächst war die Firma an der Mittelgasse beheimatet, später an der Kölnischen Straße. Aus 20 Mitarbeitern waren Mitte der 1920er-Jahre 200 geworden.

Weil die Männer der Familie im Ersten Weltkrieg an der Front dienten, musste Frieda Sichel, die eine sorglose Kindheit im elterlichen Haus an der Kölnischen Straße und später am Weinberg verbracht hatte, früh ins Geschäft einsteigen. Zudem studierte sie in mehreren deutschen Städten Nationalökonomie und Soziologie. 1918 heiratete sie ihren Cousin, den Architekten Herrmann Sichel. Sie bekamen einen Sohn und eine Tochter.

In Südafrika: Karl und Frieda Sichel im Jahr 1957.

In den 30er-Jahren kam der Niedergang der Zeitung, die schließlich von den Nazis übernommen wurde. Am 30. September 1932 erschien die letzte Ausgabe.

Fortan engagierte sich Sichel in der jüdischen Selbsthilfe – auch um andere Juden auf die Auswanderung vorzubereiten. Sie mahnte, die nationalsozialistische Gefahr ernstzunehmen. Es habe unter den Juden teilweise eine „erstaunliche Unbekümmertheit“ geherrscht, beschreibt Sichel in ihren Erinnerungen.

1935 emigrierte sie nach Johannesburg in Südafrika, wo sie sich als Sozialarbeiterin betätigte. 1975, ein Jahr vor ihrem Tod, veröffentlichte sie ihre Erinnerungen.

Info: „Frieda Sichel – Die Herausforderung der Vergangenheit“, Hentrich & Hentrich, 208 Seiten, 17,90 Euro.

Archivvideo: Zeitzeuge erzählt von der Progromnacht in Kassel

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