Flüchtlingskrise

Das Sterben im Mittelmeer: Kasseler Soziarbeiter unterstützt traumatisierte Flüchtlingshelfer

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Auf dem Boot von Sea-Eye: Raymund Meilinger speilt mit einem libyschen Jungen. Aus Seenot gerettet Männer und ein Mädchen beobachten sie.

Kassel/Libyen. Der Weg über das Mittelmeer ist nicht nur für die Flüchtlinge ein traumatisches Erlebnis. Auch für die Helfer stellt der Einsatz eine psychische Belastung dar.

Der Kasseler Sozialarbeiter Raymund Meilinger bereitet die Helfer von Sea-Eye auf ihre Einsätze vor und hilft ihnen, ihre Erlebnisse, die sie während den Rettungsmissionen gemacht haben, zu verarbeiten. Damit er weiß, wovon er spricht, war er im Oktober selbst drei Wochen vor der libyschen Küste im Einsatz.

Worauf werden die Hilfskräfte bei der Traumaprophylaxe vorbereitet?

Raymund Meilinger: Es geht einerseits darum, sie darauf vorzubereiten, wie schwierig es ist, auf einem engen Boot wochenlang mit zehn fremden Menschen zusammen zu sein. Das ist eine Situation, die es im normalen Leben so nie geben würde.

Und andererseits?

Meilinger: Es geht auch um die Frage, was alles bei einer Rettung passieren kann. Es gab einen Fall, da ist eine schwangere Frau, die gerettet wurde, auf einem Schiff von Sea-Eye gestorben, weil sie schon zu schwach an Bord kam. Solche Fälle lassen natürlich niemanden unberührt.

Welche psychischen Folgen kann ein Einsatz für die Rettungskräfte haben?

Meilinger: Häufig wird in den ersten Wochen nach der Rückkehr von einer Mission die Sinnhaftigkeit dessen, was man in Deutschland macht, in Frage gestellt. Man fühlt sich deplatziert. Welches Handy habe ich, welchen Pullover trage ich? Das erscheint gegenüber den Problemen der Flüchtlinge, die nur überleben wollen, unbedeutend. Da muss man schnell wieder in seinen Alltag zurück und am normalen Leben teilnehmen. Aber auch Gespräche darüber führen, was man erlebt hat und wie es einem damit geht.

Nach der Rettung: Raymund Meilinger gibt geflüchteten Kindern Stift und Papier zum Malen, während deren Mütter sich von der beschwerlichen Reise erholen. 

Während Ihrer Rettungsmission mussten Sie wegen eines Unwetters fünf Tage am Hafen von Zarzis in Tunesien ausharren. Was ist dort passiert?

Meilinger: Da gibt es einen Fischer, Chamesddine Marzoug, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Leichen zu beerdigen, die an der tunesischen Küste angeschwemmt werden. Offiziell ist dafür niemand zuständig. Er beerdigt die Leichen auf einem Stück Land im Sand. Die Identitäten der meisten Opfer bleiben unbekannt.

Haben Sie diesen Friedhof besucht?

Meilinger: Ja, zwischen Abfällen lagen dort menschliche Knochen herum. Ein Gebiss, ein Oberschenkelknochen. Chamesddine hat uns erklärt, dass Wasserleichen häufig ohne Kopf angeschwemmt werden, da dies wohl der Teil des Körpers ist, der sich am schnellsten im Salzwasser löst. Danach wurde die Flüchtlingsfrage ganz subjektiv für mich. Ich kann nur jedem rechten Politiker empfehlen, der im Fernsehen populistische Parolen kloppt, sich das anzuschauen oder eine Wasserleiche mit zu beerdigen. Ich glaube, dann begreift man, dass es sich hier um Individuen handelt und nicht um „die Flüchtlinge“.

Wie hat Ihnen Ihr Job als Sozialarbeiter bei Ihrem Einsatz für Sea-Eye auf dem Mittelmeer geholfen?

Meilinger: Ich kenne viele dramatische Fluchtgeschichten, weil ich in meinem Job mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen arbeite. Ich bin da sehr widerstandsfähig, aber als wir die Flüchtlinge der italienischen Küstenwache übergeben haben, war auch ich den Tränen nah. Es war zwar eine sehr kurze, aber sehr intensive Beziehung, die man zu diesen Menschen aufgebaut hat.

Was kann eine Organisation wie Sea-Eye in der sogenannten Flüchtlingskrise wirklich bewirken?

Meilinger: Es geht um Seenotrettung. Sea-Eye möchte nicht, dass im Mittelmeer Menschen absaufen. Ich sehe meine Arbeit für Sea-Eye als das an, was man als Mensch in einer Demokratie tun kann. Leider kann ich nicht zur Lösung der kriegerischen Auseinandersetzungen der Fluchtstaaten beitragen und deren Wirtschaft kann ich auch nicht beflügeln.

Wie ließe sich das Sterben im Mittelmeer verhindern?

Meilinger: Würde sich die gesamte westliche Welt wirklich dafür zuständig fühlen, was dort passiert, und Menschen aufnehmen, dann könnte man das viel humaner gestalten. Aber es klappt ja nicht mal in Europa, dass man sich gemeinschaftlich verantwortlich fühlt. Und wir wollen von unserem Luxus eben wenig abgeben.

Zur Person: Raymund Meilinger 

Raymund Meilinger

Raymund Meilinger (30) arbeitet bei IBB, der Interkulturellen Betreuungs- und Beratungs-gGmbH in Kassel mit Sitz An der Fuldabrücke 4. Als pädagogischer Leiter hilft er unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen, sich einen selbstständigen Alltag aufzubauen, sodass sie mit 18 in der Lage sind, voll- und eigenständig am gesellschaftlichen Leben in Deutschland teilzuhaben. 

Für Sea-Eye war der in Neuburg an der Donau (Bayern) geborene Amateurboxer drei Wochen im Oktober und November dieses Jahres vor der libyschen Küste unterwegs und fuhr zu zwei Einsätzen auf dem Mittelmeer raus, bei dem er und sein Team insgesamt 42 Flüchtlinge in Seenot retten konnten. Zukünftig wird Meilinger für die Helfer von Sea-Eye vornehmlich Traumaprophylaxe machen und sie vor und nach den Einsätzen betreuen. Meilinger lebt mit seiner Freundin in der Kasseler Nordstadt.

Studentin rettete über 100 Flüchtlinge

Auch die Kasseler Studentin Anna Czubayko hielt es nicht mehr aus, dem großen Sterben zuzusehen. Mit der Organisation Sea-Eye rettete sie mehr als 100 Flüchtlingen im Mittelmeer das Leben. Hier lesen Sie ihre Geschichte. 

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