Ausbildung zu Mechatronikern

Flüchtlingsprojekt: Geduldsprobe für Rheinmetall-Ausbilder

Der Meister und seine Jungs (von links): Alexander Wolfgramm erklärt den Azubis Quraish Miakheil, Husseini Amir Mahdi, Anwer Mohammed Abdelweli, Azem Hozan, Allaa Zllam, Ahmadi Mehdi und Sher Mohammed Nazari die Funktionsweise eines Motors. Fotos: Koch

Das ambitionierte Flüchtlingsprojekt von Rheinmetall in Kaufungen ist gut angelaufen. Aber die Ausbildung gestaltet sich streckenweise schwieriger als zunächst gedacht.

Geduldig und mit ruhiger Stimme erklärt Kfz-Meister Alexander Wolfgramm den Auszubildenden den Umgang mit einem Motordiagnose-Gerät. Die jungen Leute hören aufmerksam zu, stellen Fragen und machen sich Notizen. Vor einigen Monaten hat deren Ausbildung zu Kfz-Mechatronikern begonnen. Für beide Seiten kein einfaches Unterfangen, denn die Berufsanfänger sind allesamt Flüchtlinge mit großen sprachlichen und schulischen Defiziten.

Die bunt zusammengewürfelte Gruppe aus Syrien, Afghanistan und Jemen absolviert die Ausbildung im Rahmen eines auch bundesweit viel beachteten Projekts des Heerestechnik-Produzenten und Autozulieferers Rheinmetall. Eigens hierfür hat das Unternehmen, das in Kassel 950 Mitarbeiter beschäftigt, eine große Halle in Kaufungen-Papierfabrik angemietet. Dort werden die jungen Männer im Alter von 19 bis 29 Jahren ausgebildet. In knapp drei Jahren erhalten sie ihre Gesellenbriefe – sofern sie die IHK-Prüfung schaffen.

Damit das möglichst allen gelingt, müssen sie täglich deutsch büffeln. Das Problem: Die Flüchtlinge haben Jahre lang keine Schulbank mehr gedrückt, manche gar nicht. Einige können nicht einmal in ihrer Muttersprache lesen und schreiben, und vielfach fehlt mathematisches und physikalisches Grundwissen – eine Geduldsprobe für die Ausbilder..

„Der Aufwand ist ungleich größer als bei einheimischen Auszubildenden“, resümiert Projektleiter Thomas Noll. Das könnten kleine Betriebe gar nicht leisten. Denn neben Sprache und Fachwissen müssen Noll und dessen Kollegen auch ganz grundsätzliche Dinge wie Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit vermitteln und in allen Lebenslagen helfen. Denn die meisten Azubis in diesem Projekt, dass auch die Ausbildung von 20 Flüchtlingen zu Schweißern umfasst, sind allein unterwegs. „Die haben keine Eltern, die sie um Rat fragen können“, sagt Meister Wolfgramm. „So etwas wie längerfristige Lebensplanung kennen sie nicht. Die meisten mussten bislang zusehen, wie sie den nächsten Tag überleben“, erklärt Noll. Nach seinen Erfahrungen müssten alle unbegleiteten Jugendlichen sehr viel intensiver und länger betreut werden. Mit einem Job oder einer Ausbildung allein sei es nicht getan.

Allen Schwierigkeiten zum Trotz zieht Noll aber ein positives Fazit: „Ja, die Arbeit hier lohnt sich. Es ist eine Freude zu sehen, welche Entwicklung die Azubis nehmen“, sagt er. Besondere Freude mache einer, der in seiner Muttersprache Analphabet ist und nach nur einem halben Jahr recht gut deutsch sprechen, lesen und schreiben könne. „Der brennt, der macht richtig Spaß“, schwärmt Noll. Auch Ausbilder Wolfgramm zieht eine positive Bilanz. Die Azubis seien sehr engagiert.

Der Rheinmetall-Konzern finanziert das Projekt komplett aus eigener Tasche. Die Kosten summieren sich auf einen Betrag im einstelligen Millionenbereich. Die Azubis erhalten den Tariflohn in der Industrie – 930 Euro im ersten Lehrjahr. Nach der Ausbildung können sie frei einen Job wählen. Eine Verpflichtung gegenüber Rheinmetall besteht nicht.

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