Melonen in den Gepäckregalen

Eine der ersten Stewardessen auf dem Verkehrsflugplatz in Calden

+
Ton in Ton: Stewardess Barbara Hille (Mitte) mit zwei Kolleginnen 1972 auf dem Verkehrsflughafen Calden vor dem NAS-Flugzeug mit dem Namen Meimbressen.

Kassel. Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten: Wer vor über 40 Jahren die Dienstkleidung der Stewardessen bei der Nora Air Services (NAS) aussuchte, griff jedenfalls gründlich daneben.

In einem Modegeschäft an der Kasseler Wolfsschlucht mussten die Damen damals einkaufen: Lila Polohemd (kurzärmelig), lila Stoffhosen, knallgelbes Jackett. Da die Jacken in der exotischen Farbe nicht einheitlich vorrätig waren, gab es Zwei- und Einreiher. Hauptsache, es war bunt. Was den Stewardessen nicht selten die Bemerkung einbrachte: „Was seid ihr denn für Paradiesvögel?“

Ein Paradiesvogel war die damals 27 Jahre alte Barbara Hille aus Kassel wohl auch so. Sie lernte Bürokauffrau, ihr Traum war es aber, über den Wolken als Stewardess zu arbeiten. Da traf es sich gut, dass am 11. Juli 1970 in Calden der Verkehrsflugplatz eröffnete, und zwei Jahre später die Nora Air Services versuchte, Touristen nach Ibiza und Istanbul zu bringen. Das war ihre Chance. Aus der Bürokauffrau war eine der ersten Stewardessen geworden, die in Calden abhob.

Zunächst gab es aber reichlich Arbeit am Boden. Die Nora Air, eine Art Abschreibungsunternehmen, hatte gar keine Lizenz. So musste Barbara Hille mit ihren Stewardess-Kolleginnen Heide und Monika unter Federführung eines englischen Piloten zunächst einmal Flughandbücher abschreiben und sie auf die Nora Air umdichten. Das gelang, die Lizenz wurde erteilt.

Barbara Hille

Wann genau der erste Flug war, weiß Hille nicht mehr. Er ging nach Ibiza. In einer 80-sitzigen Vickers Viscount, einem britischen Verkehrsflugzeug mit Turboprop-Antrieb. Das war passend zur Stewardessen-Bekleidung auch lila-gelb und trug den Namen eines Dorfes nahe beim Flughafen: Meimbressen. Man brachte vor allem türkische Gastarbeiter nach Istanbul. Über Nürnberg und Belgrad, wo man einen Tankstopp einlegte.

Auf dem Rückflug nahmen die Türken haufenweise Melonen mit - die waren damals in Deutschland noch Mangelware. „Die legten sie in die offenen Gepäckregale über ihren Köpfen ab“, erzählt Barbara Hille. Was bei Turbulenzen nicht gerade ungefährlich gewesen wäre. Erst ein deutsch sprechender Gastarbeiter konnte seinen Landsleuten klarmachen, dass die Melonen unter die Sitze gehörten.

HNA-Spezial zum Thema Flughafen

Auch sonst war damals manches anders: etwa die Sicherheitsübungen. Hille musste aus einem Flugzeugfenster klettern, auf die Tragfläche robben und von dort per Rutsche den Boden erreichen. Die Prozedur wiederholte sie 80 Mal - schließlich musste sie 80 Passagiere simulieren. Das alles machte ihr nichts aus. „Ich bin leidenschaftlich gern geflogen“, sagte sie und macht es noch heute. Als Stewardess war sie nur einen Sommer in der Luft - dann platzte ihr Traum, die Nora Air ging pleite. Der Besitzer soll wegen Unregelmäßigkeiten sogar ins Gefängnis gewandert sein, erinnert sie sich.

Vom neuen Flughafen will die agile 66-Jährige jetzt als Passagier abheben. Den Koffer hat sie schon abgegeben - als Trainingsexemplar für den Probebetrieb.

Von Frank Thonicke

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.