Aufsichtsratschef soll Zahl übertrieben haben

Flughafen Calden: Flogen nur 13.000 Urlauber?

Touristen sind nur ein Teil der Kalkulation: In der Passagierstatistik des Flughafens Calden werden nicht nur Urlauber, sondern auch Insassen von Privat- und Geschäftsmaschinen mitgezählt. Foto:  Thiele

Kassel/Calden. Seit Eröffnung des neuen Flughafens in Calden sind die Fluggastprognosen im Sinkflug: Schon im Sommer wurde die Zahl von 100 000 erwarteten Passagieren für das erste Betriebsjahr auf 60 000 nach unten korrigiert. Das dürfte kaum noch zu erreichen sein:

Von April bis Anfang Oktober hätten 30 000 Passagiere den Airport für Urlaubsflüge genutzt, teilte der Aufsichtsratschef, Hessens Finanzminister Thomas Schäfer (CDU), vor kurzem mit. Das wären 15.000 ab- und zurückfliegende Urlauber.

Der Hessische Rundfunk (HR) wirft dem Minister vor, mit falschen Zahlen zu operieren und spricht von nur 13.000 touristischen Nutzern. Hintergrund ist eine vertrauliche Passagierstatistik, die dem Sender zugespielt wurde. Daraus geht hervor: Bis Ende September sind in Calden 256 Linien- und Pauschalreiseflüge gestartet und gelandet, auf denen insgesamt 26 124 Passagiere gezählt worden seien. Hinzu kamen gut 11 000 Insassen in Privat-, Geschäfts- und sonstigen Maschinen.

Hier die Calden-Statistik als PDF-Dokument

Fünf Tage, nachdem diese Statistik intern die Runde machte, teilte Schäfer am 9. Oktober nach einer Sitzung des Flughafen-Aufsichtsrats mit: Er sei erfreut, „dass bereits über 30 000 zufriedene Flugpassagiere in klassische Urlaubsregionen wie Mallorca, Dalmatien und die Türkei geflogen sind“.

Der HR macht eine andere Rechnung auf: Auf Urlaubsflüge, wie sie der Minister angesprochen hatte, seien laut der Statistik gut 26 000 Fluggäste entfallen. Da aber im Regelfall jeder Tourist bei Start und Landung in Calden zwei Mal gezählt werde, dürften bisher gerade 13 000 Urlauber den nordhessischen Airport genutzt haben. Schäfers Äußerung stelle die Lage somit zu optimistisch dar.

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Im Wiesbadener Finanzministerium ist man verärgert über solche Zahlenspiele. Schäfers Sprecher Stefan Löwer wies sie auf Anfrage der HNA als "Kampagnenjournalismus“ zurück. In seiner Mitteilung habe der Minister „ausdrücklich von Flugpassagieren gesprochen“, betonte Löwer. Diese Größe schließe neben touristischen Passagieren auch jene der Geschäfts- und Freizeitfliegerei ein, wobei Starts als auch Landungen gesondert gezählt würden. „Das ist die international übliche Zählweise“, sagte Löwer. „So wird es überall gemacht, weil diese Zahlen vergleichbar sein müssen.“

Das Statement des Ministers sei möglicherweise missverständlich gewesen, räumte der Sprecher ein. Schäfer habe „keine genaue Auskunft zu Zahlen“ geben, sondern „lediglich eine Größenordnung“ benennen wollen. Die genannten Urlaubsziele ab Calden seien nur als „beispielhafte, wenngleich unvollständige Aufzählung“ gemeint gewesen. Löwer: „Es war zu keinem Zeitpunkt die Absicht, den Eindruck zu erwecken, dass es sich bei der Zahl von über 30 000 Flugpassagieren allein um Urlaubsreisende handelt.“

Die vom HR genannte Zahl von 13.000 Urlaubern „entstammt nicht der Flughafenstatistik“.

Von Axel Schwarz

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