Statt 100 000 Fluggäste kamen im ersten Jahr nur knapp 47 000

Flughafen Kassel-Calden: Prognosen traten nicht ein

Kassel/Calden. Am 4. April vergangenen Jahres war die Welt auf dem Flughafen Kassel-Calden noch in Ordnung. Um 11.07 Uhr landete das erste große Flugzeug – eine A319 der Gesellschaft Germania – vor den Augen von tausenden Besuchern:

Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier, viel Polit- und Wirtschaftsprominenz aus Nordhessen und etwa 10.000 Zaungäste waren auf dem nagelneuen, architektonisch gelungenen Airport dabei.

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Es war sehr kalt und diesig an jenem Morgen. Der euphorischen Stimmung tat dies keinen Abbruch. Schließlich – zumindest glaubten das viele im letzten Jahr – war die Eröffnung der Start in ein neues Zeitalter mit Luftverkehrsanbindung der Region an die großen Ferienziele und Metropolen Europas. Aber es sollte anders kommen.

Statt der zunächst prognostizierten 100.000 Passagiere im Jahr eins des neuen Airports starteten und landeten nicht einmal 47.000 Menschen in Kassel-Calden. Seit Ende Oktober gibt es keinen Flugbetrieb mit großen Verkehrsmaschinen.

Kommt Turkish Airlines?

Ab dem nächsten Monat soll es aus heutiger Sicht lediglich eine Handvoll von Ferienflügen in der Woche geben. Und ob Turkish Airlines – wie im November angekündigt – mit wöchentlich bis zu vier Linienflügen in die Metropole Istanbul regelmäßig nach Kassel-Calden kommt, bleibt abzuwarten. Wir glauben es erst, wenn die Gesellschaft da ist.

Der Regional-Airport gleicht einem Gespensterflughafen. Denn seiner Chefin Maria Anna Muller ist es nicht einmal ansatzweise gelungen, einen nennenswerten Ferienflugbetrieb aufzubauen. Ein Insider sagte dazu: „Sie muss weg, koste es was es wolle. Wir müssen weiteren Schaden vom Airport nehmen.“

Immer mehr Entscheider aus der Region fordern offen oder hinter vorgehaltener Hand die Ablösung der Managerin, die bereits bei ihrem vorangegangen Job als Flughafenchefin in Rostock-Laage (Mecklenburg-Vorpommern) keine glückliche Hand bewiesen hat.

Immerhin: Mit dem für 2013 prognostizierten Defizit von etwa 6,6 Millionen Euro wird man in etwa hinkommen. Wie hoch es in diesem Jahr ausfallen wird, ist nicht abzusehen, denn niemand weiß, wer wie häufig fliegt. Bleibt es beim jetzigen, äußerst überschaubaren Betrieb, könnte das Minus deutlich höher ausfallen. Das Land trägt entsprechend seines Anteils an der Betreibergesellschaft 68 Prozent des Verlusts, Stadt und Kreis Kassel je 13 und die Gemeinde Calden sechs Prozent. In letzterem Fall wären dies für 2013 fast 400.000 Euro.

Wie das den Menschen der finanziell mit dem Rücken zur Wand stehenden Kommune vermittelt werden soll, ist unklar – vor allem vor dem Hintergrund geplanter massiver Einsparungen. So wird unter anderem diskutiert, Dorfgemeinschaftshäuser zu verkaufen und Ortsbeiräte abzuschaffen – eine wahrhaft absurde Situation. Die Akzeptanz der Anlieger dürfte unter diesem Gesichtspunkt weiter schwinden.

Hintergrund

Land Hessen zahlt am meisten Der Flughafen Kassel-Calden hat 271 Millionen Euro gekostet. Bezahlt hat ihn das Land Hessen. Neben der Investition und den anteiligen Verlusten trägt es weitere knapp vier Millionen Euro für hoheitliche Aufgaben wie Flugsicherung (Fluglotsen im Tower), Flughafensicherheit und Berufsfeuerwehr.

Dies bezahlt das Land aber auch an anderen Flughäfen. Für 2013 also muss Hessen also gut acht Mio. Euro für den Betrieb des Airports in die Hand nehmen. Stadt und Kreis Kassel sind mit jeweils 860.000 Euro dabei, Calden zahlt fast 400.000 Euro.

Von José Pinto

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