Er baute in 13 Jahren Kassel-Calden

Der Flughafen war sein Kind: Jörg Ries geht in Rente

Geht in den Ruhestand: Jörg Ries. Foto: Hofmeister

Kassel. Als im Jahr 2001 der damalige hessische Ministerpräsident Roland Koch und der Chef der Frankfurter Flughafen-Gesellschaft Fraport, Wilhelm Bender, einen Mann suchten, der den Flughafen Kassel-Calden als Verantwortlicher hochziehen sollte, war die Wahl schnell auf Jörg Ries gefallen.

Der Fraport-Manager hatte einige Auslandserfahrung - er war in den Vereinigten Arabischen Emiraten und baute den Athener Flughafen. Und vielleicht kam damals Nordhessen den südhessischen Entscheidern wie eine Art Ausland vor.

Also hieß es für Jörg Ries ab nach Kassel - seine Frau, gerade aus Athen zurück, wollte im heimischen Sulzbach am Taunus bleiben. Was folgte, waren 13 Jahre Pendelei für Jörg Ries von Nord- nach Südhessen, bei der er ungezählte Alte Würste der Caldener Fleischerei Koch nach Frankfurt und Umgebung schaffte - sehr zum Gefallen seiner zwei erwachsenen Söhne.

Gestern wurde Jörg Ries, der in einigen Tagen 70 Jahre alt wird, an einem Ort verabschiedet, den er selbst geschaffen hat: mitten im Flughafen. Der ist ohne Zweifel sein Kind, obwohl er stets betont, in einem „prima Team“ gearbeitet zu haben - zusammen mit den Mitgeschäftsführern Rolf Hedderich (Stadt Kassel) und Ulrich Spengler (IHK).

Derlei Bescheidenheit ehrt ihn. Denn Jörg Ries, der geboren Halberstädter, der 1956 seiner aus der DDR geflohenen Mutter als Kind ins Rhein-Main-Gebiet folgen durfte, war der Mann an der Front, die zwischen den Flughafen-Planern und den Gegnern verlief. Im Raumordnungsverfahren stand er in 26 Gemeinden Rede und Antwort, die Emotionen gingen hoch. Nie vergessen wird Jörg Ries die Situation, als in Immenhausen eine Frau auf ihn zukam und rief: „Sie sind der Mörder meiner Kinder.“ Ries: „Das geht einem schon an die Nieren. Das haken Sie nicht einfach ab.“

Was ihm immer half, sagt er, war die breite politische Rückendeckung: Auf allen Entscheidungsebenen waren alle Parteien mit Ausnahme der Grünen für den Flughafen.

Infos zur Jörg Ries finden Sie auch im HNA-Regiowiki.

Der Bau des Flughafens lief ohne Probleme - sein Start war mehr als holprig. Jörg Ries ist noch immer sauer darüber, dass er mit dazu beitrug, indem er für die Flughafen-Chefin Maria Anna Muller votiert hatte. „Eine Fehlentscheidung“, sagt Ries heute. Dass Muller erst relativ spät ihren Job aufgeben musste, lag wohl auch daran, dass in ihrem ersten Jahr in Kassel-Calden Landtagswahlen anstanden. Man wollte den viel kritisierten Flughafen nicht zusätzlich in die Schlagzeilen bringen.

Darüber plaudert der Rentner Ries, der zuletzt als „Generalbevollmächtigter Projektausbau“ schon auf Sparflamme arbeitete und dafür sorgte, dass der Flughafen jetzt auch richtig fertig ist, heute entspannt. Früher konnte er schon mal richtig sauer werden, wenn man sein Kind, den Flughafen, aus seiner Sicht ungerechtfertigt angriff. „Ich habe auch schon mal laut Scheiße geschrien.“ Das muss er nun nicht mehr. Zu Hause in Sulzbach wartet die Familie, mitsamt zwei Enkelkindern. Im Flughafen Calden und drum herum wird man Jörg Ries vermissen. Nicht nur in der Fleischerei Koch. Die hat auf jeden Fall einen wichtigen Wurst-Kurier nach Südhessen verloren.

Von Frank Thonicke

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