Schustereder ab 1. April nicht mehr auf dem Posten - Unsere Analyse

Kassels Flughafen-Chef geht: Keiner weint ihm eine Träne nach

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Damals noch froh: Ralf Schustereder im April 2014, als er am Flughafen seine Arbeit aufnahm.

Kassel. Als Ralf Schustereder die Nachfolge der erfolglosen Anna Maria Muller an der Spitze des Flughafens antrat, atmeten viele auf. Eine falsche Einschätzung, wie sich zeigte.

Mit Schustereder (52) kam ein vermeintlich brillanter Fachmann, der für die Fraport, dem Frankfurter Flughafen-Betreiber, in Ägypten war. Einer, der unaufgeregt agierte und die Sache im Blick hatte. Eher ein Leisetreter, anders als die laute Anna Maria Muller.

Selten war eine Einschätzung so falsch. Ralf Schustereder brachte sozusagen eine Hypothek aus dem fernen Kairo mit nach Kassel: die Bekanntschaft mit einer jungen Ägypterin. In der Folge machten intime Bilder die Runde an deutschen Flughäfen, gehackt aus dem Flughafen-Computer. Schustereder war zum Gespött geworden, der Airport kam mit ihm nicht aus den negativen Schlagzeilen heraus. Die Staatsanwaltschaft nahm schließlich Ermittlungen gegen Schustereder auf, die noch andauern. 

Und viele wunderten sich, warum Hessens Finanzminister Thomas Schäfer, seines Zeichens auch Aufsichtsratsvorsitzender der Kasseler Flughafen GmbH, nicht schon viel früher die Reißleine zog. Die Antwort: Weil der grüne Wiesbadener Koaltionspartner den Flughafen ohnehin nicht will und mangels Flüge den Airport lieber als normalen Landeplatz sehen würde. Ein Flughafenchef wäre bei einer Herabstufung demnächst überflüssig gewesen.

Doch dann kam Schauinsland – Schustereder konnte nichts dafür – und stellte alles auf Neuanfang. Für den Investor ist eines wichtig: nicht hineingeraten in negative Schlagzeilen. Mit Schustereder wäre das nicht gegangen.

Zudem war er beruflich erfolglos. Der Höhepunkt war, dass touristisch gesehen der Flughafen in diesem Winter die Türen schloss – die Fluglinie Germania zog sich zurück, niemand wollte mehr von Calden starten.

Der neue Chef: Lars Ernst

Natürlich gab es die politische Situation, die etwa das touristische Geschäft negativ beeinflusst. Sprach man mit Experten aus der heimischen Reisebranche, wurde aber schnell deutlich, wer der eigentlich Schuldige war: Schustereder. Arrogant, starrsinnig, nicht belehrbar, rechthaberisch, herrisch und ungerecht – das sind Adjektive, mit denen der Name Schustereder verbunden wird. Die meisten weinen ihm keine Träne nach.

Lesen Sie hier auch unseren Kommentar zum Thema.

Der neue Boss ist dagegen bei den Beschäftigten des Flughafens beliebt. Der Jurist Lars Ernst (42) soll zusammen mit Verkaufsleiter Jürgen Schierz maßgeblich für die Ansiedlung von Schauinsland mit der Fluglinie Sundair verantwortlich gewesen sein.

Seit Herbst 2014 ist er kaufmännischer Leiter und Prokurist des Airports. Er war am Bremer Flughafen in leitender Position tätig und sagt selbstbewusst über sich: „Ich kenne den Kasseler Flughafen in- und auswendig.“

CHRONIK

Nach drei Jahren wird die Amtszeit von Flughafen-Chef Ralf Schustereder enden. Eine Chronik:

April 2014: Ein Jahr nach der Eröffnung des Flughafens in Calden wird Ralf Schustereder zu dessen neuem Geschäftsführer berufen. Binnen eineinhalb Jahren ist er schon der Dritte auf diesem Posten: Auf Jörg Ries folgte zunächst Maria Anna Muller. Sie musste schon sehr bald wieder gehen, da sie die wirtschaftlichen Erwartungen nicht erfüllte.

November 2015: Für das erste Jahr unter seiner Führung bilanziert Schustereder ein um 55 Prozent gestiegenes Passagieraufkommen und ein leicht gesunkenes Jahresdefizit. Für Sommer 2016 zeichnet sich aber ab, dass mit Hurghada und Gran Canaria zwei Flugziele wegfallen werden.

April 2016: Durch Datenklau entspinnt sich eine Affäre um Flughafenchef Schustereder. Es folgt eine Serie von Hiobsbotschaften für den Airport.

Mai 2016: Die Staatsanwaltschaft nimmt Ermittlungen in Sachen Schustereder auf.

9. Juni 2016: Der Flughafen verkündet, dass es im Winter 2016/17 keine regelmäßigen Flüge geben wird. Verhandlungen mit Germania und weiteren Airlines seien gescheitert.

2 5. Juni 2016: Der Flughafen feuert nach kurzer Zeit seine Vertriebschefin Christine Altzinger. Sie war binnen zwei Jahren bereits die Dritte auf diesem Posten. Altzinger erhebt öffentlich schwere Vorwürfe: Die Flughafenleitung habe offenbar kein rechtes Interesse an Vertragsabschlüssen mit Fluggesellschaften.

Juli 2016: Der Flughafen räumt ein, dass die seit langem geführten Verhandlungen mit Turkish Airlines über Linienflüge zwischen Kassel und Istanbul gescheitert seien.

September 2016: Die Airline Germania verkündet den Rückzug von Calden, da die „wirtschaftlichen Rahmenbedingungen“ nicht stimmen würden. In der Folge häufen sich politische Forderungen nach einer Rückstufung des Flughafens zum Verkehrslandeplatz.

31. Oktober 2016: Vorerst letztmals landet in Calden ein Germania-Flieger, er kommt aus Kreta. Bereits seit Mitte des Jahres herrscht Unklarheit, was den kommenden Sommer angeht. Immer wieder vertröstet der Flughafen.

22. November 2016: Der Reiseveranstalter Schauinsland kündigt an, dass zum 1. Juli 2017 eine Maschine seines Flugpartners Sundair fest in Calden stationiert wird. Dieses Flugzeug werde 13 Mal wöchentlich von Nordhessen zu diversen Sonnenzielen starten.

15. Dezember 2016: Die Staatsanwaltschaft Kassel bestätigt der HNA, dass die Ermittlungen gegen Schustereder andauern. Man prüfe weiterhin den Vorwurf der Untreue.

9. Januar 2017: Der Flughafen-Aufsichtsrat gibt bekannt, dass Ralf Schustereder zum 1. April seinen Posten auf eigenen Wunsch räumt.  

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